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Ballett in Oldenburg: Ein Spitzen-Abend im Staatstheater

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Mit diesem Tanz sollte man so früh wie möglich im Leben anfangen: Fast jede Frau hat als kleines Mädchen mal Ballett getanzt. Ich nicht. Mit über 30 Jahren ist es also höchste Zeit für meine Ballett-Premiere! Für die erste Stunde habe ich mich am Oldenburgischen Staatstheater beim Training mit Chefchoreograf Antoine Jully angemeldet.

Mit viel Respekt radele ich zum Staatstheater, steige die Treppe zum Probenzentrum hinauf. Aus einigen Räumen tönt Gesang. Wie wird es sein, wenn eine blutige Anfängerin auf einen Vollblut-Tänzer, einen ausgezeichneten Künstler, trifft?





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Der gebürtige Pariser Antoine Jully ist seit drei Jahren Choreograf am Oldenburgischen Staatstheater. Normalerweise trainiert der 39-Jährige seine Kompanie, also Profis. Zu einigen festen Terminen im Jahr lädt er aber Tänzerinnen aus mindestens fünf verschiedenen Ballettschulen ein. „Das ist ein kleines Geschenk von mir für die Frauen“, sagt Antoine.

Die Menschen kommen gerne ins Theater, um sich den Tanz anzuschauen, sagt er. Sie seien sehr treu. Da sei es schön, etwas zurückzugeben. Auch gibt ihm der Kontakt zu den Frauen viel: „Die Arbeit in der Kompanie ist irgendwann immer ein Job.“ Denn eine Produktion muss schließlich zu einem gesetzten Zeitpunkt fertig sein. „Die Tänzerinnen hier kommen freiwillig. Das gibt mir Freiheit", sagt Antoine. "Erleichterung."
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Im Tanzsaal des Probenzentrums warten die Frauen schon auf Antoine. Sie lieben seine ruhige, freundliche Art und schätzen es sehr, dass er - als Profi, als Künstler - mit ihnen trainiert. Das erzählen sie, und das merke ich sofort. Aufregung erfüllt den Raum. Vorfreude. Dennoch ist es für eine Frauengruppe recht still. So, als würden die Tänzerinnen sich all ihre Kraft und Konzentration für die nächsten eineinhalb Stunden aufheben.  

Die Frauen tragen Socken oder Balletschuhe, Leggings, manche haben Röckchen an. Alle sehen super sportlich aus. "You are beautiful!", wird Antoine ihnen immer wieder zurufen.
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Wir starten an der Stange. Verstohlen gucke ich mir ab, wie die anderen Tänzerinnen sich aufstellen: Hand locker auf das Holz, der Arm angewinkelt, der Körper angespannt, die Füße in der ersten Position – Hacken aneinander, Zehenspitzen nach außen. „Stell dich am besten irgendwo in die Mitte, damit du immer wen zum Abgucken hast“, rät mir eine Tänzerin. Dieser Ratschlag ist Gold wert, denn sonst wäre ich als absolute Anfängerin bereits bei den ersten Übungen aufgeschmissen.
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„Trocken“, also ohne Musik, erklärt Antoine uns die ersten Bewegungen in einer sympathischen Mischung aus Englisch und französischen Ballettausdrücken. Die anderen machen sofort mit, ich versuche es. Klaviermusik tönt aus der Ecke des Raumes. Ein Tanztraining mit Live-Musik, das hatte ich noch nie! „Umdrehen“, raunt eine Mittänzerin mir zu – nicht zum letzten Mal. Dauernd blicke ich in die falsche Richtung, wenn eine neue Übung losgeht. Aber die anderen Frauen sind sehr hilfsbereit und geben mir einige Tipps – zum Beispiel, dass ich mich immer zur Stange drehen soll und nie von ihr weg.
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Wir bewegen das Bein – immer mit gestreckter Fußspitze – nach vorne, zur Seite, nach hinten. Hinzu kommen die Arme, leicht gebeugt, die Handinnenflächen zum Körper zeigend. Nach und nach werden die Bewegungen komplexer und schneller. Wir beugen uns mit einem lang gestreckten Arm nach vorne, nach hinten, heben ein Bein. Das Tempo verlangt mir einiges ab, ich komme längst nicht immer mit.

Viele Bewegungen, die bei meinen Mittänzerinnen elegant und formvollendet aussehen, kann ich nur andeuten. Besonders schwierig ist eine Übung, bei der man den Fuß in kurzen, schnellen Bewegungen am Bein entlangführt. Aber das Tanzen bringt dennoch ungeheure Freude, weil es den Körper herausfordert, an seine Grenzen bringt. Auch an die Grenzen der Beweglichkeit. Die anderen sind so verdammt gelenkig!
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Ballett ist die Grundlage für viele andere Tanzstile. Viele Positionen und Bewegungen kommen auch in Choreografien anderer Tänze vor, zum Beispiel diese hier:

Erste Position: Die Füße stehen nebeneinander, die Fersen berühren sich.

Zweite Position: Die Füße stehen in Hüftbreite nebeneinander.

Insgesamt gibt es fünf Fußpositionen. Weitere Bewegungen sind der Pas de Bourrée (Schritt mit Standbeinwechsel), Plié (Kniebeuge), Pirouette (Drehung auf einem Bein), Passé (Fuß liegt am Knie des Standbeins), Arabesque (Pose, bei der ein Bein gestreckt nach hinten gehoben wird).






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„Ich finde es einfach großartig, mit Antoine zu trainieren“, sagt Alexandra Telgmann (44), die mit ihrer Tochter Mila (17) dabei ist. „Auch das Ambiente ist toll. Welche Ballettschule hat schon so einen großen Saal?“ Für sie und Mila ist das Training das „Highlight der Woche“, ihre Mutter-Tochter-Aktivität. Toll finden sie auch, dass sie als Gruppe öfters etwas zusammen unternehmen, schauen sich Antoines Aufführungen an.

Für Alexandra bedeutet die "Arbeit mit dem Körper" außerdem Inspiration, auch für ihren kreativen Job. Sie ist Goldschmiedin und Malerin, hat für Antoines Produktion „Men and Women“ das Bühnenbild kreiert. „Beim Tanzen lebe ich im Moment, ich bin im Flow.“ Sie und Mila, die mit drei Jahren mit dem Tanzen angefangen hat, „pushen“ sich beim Ballett gegenseitig.
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Wir schieben die Stangen an die Seite. Jetzt erobern wir uns den Raum. Für mich heißt das: Ich kann mich nirgendwo mehr festkrallen.

Aber ich habe noch ein anderes Problem. Ich habe die falschen „Schuhe“ an: schwarze Turnschläppchen mit Plastiksohle. Zu allem Übel quietschen die auch noch, wenn sie über den Boden gleiten. „Hast du keine Socken dabei?“, fragt eine Tänzerin. Ich schüttele mit dem Kopf.  Also darf ich mir ihre feinen, beigefarbenen Socken ausleihen. „Pass nur bei den Pirouetten auf!“, warnt sie. „Nicht, dass du ausrutscht!“ Pirouetten? Schon wenn ich das Wort höre, bekomme ich weiche Knie.
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In Windeseile zeigt Antoine uns eine Schrittfolge. Die spannendste Stelle: Wir drehen uns auf einem Fuß und heben dabei ein Bein langsam in die Luft. Das würde ich gerne gut können! Nach ein paar Wiederholungen bekomme ich es wenigstens annäherungsweise hin. Aber dann ist Schluss.

Jetzt kommen die angekündigten Pirouetten, die berühmten Drehungen um die eigene Achse. Ich passe. Die Angst, mich auf die Klappe zu legen und vor allen zu blamieren, ist doch zu groß. Bisher habe ich diese Bewegungen nur im Film oder im Theater aus der Ferne gesehen. Dort wirkten sie leicht und mühelos. Aus der Nähe sehe ich, wie viel Anspannung es kostet, um elegant und kraftvoll auszusehen. „Muskeln anspannen!“, sagt Antoine. „Muskeln sind alles.“ Gebannt schaue ich zu und mache mir fast blind Notizen, weil ich den Blick nicht von den Tänzerinnen wenden will.
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Die gebürtige Brasilianerin Julia Sprenger-Wilbers ist 19 Jahre alt und tanzt seit 15 Jahren Ballett. „Meine beste Freundin hat Ballett gemacht und ich fand das ganz toll. Meine Eltern wollten es erst nicht, dass ich so früh anfange.“ Aber sie habe so lange „gemeckert“, bis diese einverstanden waren. Mit 13 Jahren begann sie ihre Ausbildung zur Bühnentänzerin, belegte auch Kurse in Paris und New York. Als sie zu einem Schüleraustausch nach Deutschland flog, kehrte sie nicht wieder zurück nach Brasilien. Sie hatte sich hier verliebt und fing an, in einer Ballettschule in Varel zu unterrichten.
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„Ich träume noch davon, Tänzerin zu werden“, sagt Julia. „Aber dann hätte ich jetzt schon mal einen Job haben müssen.“ Das Unterrichten macht ihr aber auch viel Spaß. Ihre Schwester absolviert in Brasilien auch die Ausbildung zur Bühnentänzerin. Als sie mal in Oldenburg war, begleitete sie Julia zum Training mit Antoine. „Es ist toll, dass wir die Möglichkeit haben, auf diesem hohen Niveau zu trainieren.“
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Die langsame Bewegung vor einer Drehung, erklärt Antoine, ist die, auf der das größte Augenmerk liegt: „It’s the sexiest part.“ Sie zeige die Schönheit des Körpers am besten. Darum solle man sie voll auskosten. Wir lernen hier nicht nur Schritte, Bewegungen, Choreografien. Wir lernen hier auch eine Menge darüber, wie Tänzer mit ihrem Publikum kommunizieren.
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„Eure Arme sprechen zu jemandem“, erinnert Antoine, als er zeigt, wie man sie sanft nach vorne richtet. „Mit ihnen könnt ihr eine Richtung vorgeben.“ Und dann die Augen. „Tanzt mit euren Augen!“, sagt Antoine. Der Choreograf hat viele Tipps und macht Verbesserungsvorschläge, ohne aber jemals eine Tänzerin zu kritisieren. Bei den Sprüngen am Ende der Stunde erlaubt Antoine den Frauen, zu pausieren: „Wenn der Körper zu müde ist, lasst es besser.“ Aber alle machen weiter.
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Warum ausgerechnet Ballett? „Ich habe mit der Zeit viel Körperbeherrschung gelernt“, sagt die 17-jährige Mila. „Ich finde es gut, dass es beim Ballett manchmal Überwindung kostet, etwas zu machen“, sagt ihre Mutter Alexandra. Julia fügt hinzu: „Und du bist nie gut genug!“ Das ist ihr Ansporn.

Verzaubert fahre ich nach Hause. Meine erste Ballettstunde war wunderschön, egal ob als Mittänzerin oder Zuschauerin. Den ersten Teil kann man auch als Anfängerin mitmachen, dann setzt man sich eben an den Rand und schaut zu - eine bessere Unterhaltung kann es an einem gewöhnlichen Donnerstagabend nun wirklich nicht geben.


Fotos und Video: Oliver Perkuhn

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Ich habe einen überaus tanzwütigen Freund. Bei jeder guten Gelegenheit – Disco, Stadtfest, Grünkohltour – schleudert er mich so wild über die Tanzfläche, dass mir nach spätestens zwei Runden schwindelig ist. Ohne Gnade! Dieser Freund fragte mich also, ob wir nicht mal einen Tanzkurs zusammen machen wollen. Ja klar! Warum nicht? Selbst bei unserem gekonnten Freestyle ist noch Luft nach oben.

Aber welchen Tanz lernen wir bloß? Es gibt ja so viele. Die Lösung lag auf der Hand: Ich tanze mich einmal quer durch Oldenburg – und dann entscheiden wir. Beziehungsweise ich. Denn das letzte Wort liegt bei mir, wie mir der Freund großzügigerweise versicherte. Bis ich den perfekten Kurs für uns gefunden habe, teste ich also verschiedene Stile und erzähle hier von meiner tänzerischen Reise durch die Stadt.


Sie tanzen? Und wollen Inga Wolter von Ihrem Hobby überzeugen? Dann melden Sie sich unter inga.wolter@nwzmedien.de.
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