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Walzer in Oldenburg: Sissi-Feeling in Kreyenbrück

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Das Thermometer im Auto zeigt 32,5 Grad Celsius an, und ich bin auf dem Weg zum Walzer tanzen. Ehrlich gesagt habe ich mehr Lust, mich in einen eiskalten See zu stürzen oder faul in einer Hängematte zu liegen. Aber ich kann mich nicht drücken.

Schließlich bekomme ich extra eine Privatstunde! Die hat die Tanzschule Beyer am Hansa-Ring für mich organisiert. In den Tanzsälen herrscht  gähnende Leere , weil Urlaubszeit ist. Aber: Intensivunterricht kann nicht schaden. Das letzte Mal habe ich vor mehr als 15 Jahren Walzer getanzt - damals in der Tanzstunde, als wir mit dem Bus vom Dorf in die Stadt gekarrt wurden, um gute Manieren und die ersten Schritte auf dem Parkett zu lernen.

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"Hallo!" - Tanzlehrerin Carina Schiefbahn begrüßt mich, im gleichen Atemzug fragend, ob ich etwas trinken möchte. Ja, bei über 30 Grad wäre ein Glas Wasser schon nett, zumal mir Schlimmes schwant: Langsamer Walzer geht bestimmt, auch bei dem Wetter. In der Tanzschule ist es recht kühl. Doch auf dem Programm steht auch der viel schnellere Wiener Walzer.

Aber alles nach der Reihe. Dabei sind heute Clara und Lars Oltrop, ein Pärchen aus Oldenburg, die Langsamen Walzer lieben. Da mein Tanzfreund arbeiten muss, leiht Clara (33) mir großzügigerweise ihren Mann aus. Die beiden haben kürzlich standesamtlich geheiratet, im September steht die kirchliche Trauung an. Bereits 2014 hatten sie sich zum Anfängerkurs angemeldet, berichtet Clara, da sei von Hochzeit noch gar keine Rede gewesen. „Bei mir schon!“, widerspricht Lars.

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Das Tanzen probierten sie einfach mal aus. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so lange dabei bleiben“, sagt Clara. Diesmal stimmt Lars (31) zu: „Es ist zu einem gemeinsamen Hobby geworden." An seine Tanzstunden-Zeit als Jugendlicher hat er gute Erinnerungen, auch wenn er damals "nicht die richtige Frau" hatte. Es wurde ja immer gewechselt, beim Tanzen.

Am Anfang des Kurses bei Beyer gab es ab und zu mal Streit. „Wenn wir die Schritte beide nicht konnten, wurden wir dickköpfig“, erinnert sich Clara. Darüber sind sie längst hinweg. Sie haben sogar einen Tipp für tanzwillige Frauen, deren Partner keine Lust auf einen Kurs haben: ein befreundetes Paar anstacheln! Denn wenn ein Freund mitkommt, sprängen Männer eher mal über ihren Schatten, meinen beide.

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Mit Profis auf dem Parkett: Clara und Lars können fast alles - von Disco Fox über Tango bis Lindy Hop. Beim Walzer  fangen sie für mich aber noch einmal ganz von vorne an. Wir tanzen "trocken", sofern das heute möglich ist. Carina reiht uns vor dem Spiegel auf und zeigt uns den Grundschritt:

„Eins – zwei, drei, eins – zwei, drei, eins – zwei, drei.“

Mit dem rechten Bein nach vorne, mit dem linken schräg nach vorne, das rechte Bein ranziehen. Das ist einfach, aber nicht elegant. Ein bisschen mehr gehört schon dazu als nur „eins – zwei, drei, eins – zwei, drei“. Beim Nach-vorne-Gehen sollen wir uns kurz auf die Ferse stellen, dann auf die Fußspitzen.

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Walzer ist der älteste moderne Gesellschaftstanz. Sein besonderes Merkmal: Man tanzt ihn im Dreivierteltakt. Den Wiener Walzer gibt es länger als den Langsamen Walzer. Nachgewiesen wurde er zum ersten Mal 1779 in Breslau.

Der Langsame Walzer hat 28 bis 30 Takte pro Minute, der Wiener Walzer 58 bis 60. Berühmte Walzer gibt es von den Komponisten Josef Lanner, Johann Strauß und Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Der Name "Walzer" kommt von dem mittelhochdeutschen Wort "walzen", was "drehen" bedeutet.

Zelebriert wird der Wiener Walzer (Bild) jährlich beim Wiener Opernball, dem gesellschaftlichen Höhepunkt der Ballsaison.
 

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Carina hat uns voll im Griff. Die quirlige Rheinländerin arbeitet seit Sommer 2008 bei Beyer. „Mein Chef feuert mich zwar jeden Freitag“, scherzt sie, „aber ich tanze immer wieder an.“ Sie wird wohl ihren „Lebensabend hier verbringen“. Und das, obwohl ihr jetziger Chef erst ihre Bewerbung verschlampte. Aber das ist eine andere Geschichte. Wie sie zum Tanzen kam?

„Das wiederum ist eine typische Kleinmädchengeschichte“, erzählt Carina. Schon früh habe sie sich für Ballett und Musicals interessiert. „Aber ich konnte keinen Spagat. Darum wurde ich beim Ballett gemobbt.“ Als sie mit 13 Jahren das Musical "Starlight Express" sah, war es um sie geschehen. „Aber ich kann nicht singen und habe total Lampenfieber, wenn ich auf der Bühne stehe.“ Nach dem Abitur begann sie darum zunächst, Übersetzen und Dolmetschen zu studieren.

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Bis ihre Mutter einen Tanzkurs machte und Carina sie einmal begleitete. Der Lehrer drehte mit ihr ein paar Runden übers Parkett und „alles kam wieder“. Noch aus der Uni-Bibliothek verschickte sie Online-Bewerbungen. 2003 brach sie ihr Studium ab und startete ihre Ausbildung zur Tanzlehrerin. „Das härteste daran war das Tanzen selbst“, sagt sie. Turnier-Standard wurde verlangt und Carina musste kämpfen. „Immer wieder habe ich mich mit meinen Ausbildern angeschrien."

Wieder und wieder musste sie die gleichen Schritte proben, immer allein, immer mit den Armen in der Luft. Damit sie die Bewegungen auch ohne Partner zeigen kann. „Irgendwann tun einem die Arme weh“, sagt sie. Aber Carina machte weiter. Hinschmeißen wollte sie nie – dabei hatte sie auch noch etwas mit ihrer Familie zu kämpfen: Nicht alle waren begeistert, dass sie ihr Studium zugunsten ihrer Tanzleidenschaft abgebrochen hatte. Heute haben sich die Ausbildungskriterien etwas verschoben, wie auch Ralf Beyer, Chef der Tanzschule, sagt.

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„Eins – zwei,drei, eins – zwei, drei, eins – zwei, drei.“

Einen Augenblick verharren wir auf den Fußspitzen, schon beim nächsten Schritt senken wir uns wieder ab – „aber kontrolliert“, wie Carina vorgibt. Das heißt: Wir sollen nicht vom Berg ins Tal fallen, der Übergang soll weich sein. „Es fühlt sich an wie eine Welle“, sagt Clara. Carina präzisiert: „Wie eine Schiffschaukel.“ Die kann man mit üppigen Drehungen tanzen.





„Paare, die seit 20 Jahren dabei sind, schweben damit gerne mal bei Feiern über die ganze Tanzfläche.“ Um sich zu profilieren, meint Carina augenzwinkernd. Zum Ärger der anderen Paare, die dann angerempelt werden.

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Ich bekomme kurz ein schlechtes Gewissen. Mein Tanzfreund und ich vertreiben ja auch schon mal das ein oder andere Pärchen mit ausufernden Bewegungen von der Tanzfläche. Egal, weiter geht’s, jetzt zu zweit. Lars macht das nicht zum ersten Mal, das merke ich. „Eins – zwei,drei, eins – zwei, drei“ – es läuft gut. Damit es schöner aussieht, sollen wir uns drehen. Jetzt spüre ich auch die Schiffschaukel. Wir kurven durch den Saal – und die Musik wird kitschiger.

„Inga ist schon ganz verliebt!“, ruft Fotograf Olli und grinst. Den hatte ich fast vergessen vor lauter Drehen. Als kleine Variation lernen wir heute noch das Gehen, bei dem sich der Mann vorwärts, die Frau rückwärts über die Tanzfläche bewegt. Da wir vorm Spiegel nur den Männerschritt trainieren, bin ich beim Paartanz nicht aufs Rückwärtsgehen eingestellt. Prompt tritt Lars mir auf den Fuß. „Au!“ Lars entschuldigt sich. Aber halb so schlimm, der Zeh ist noch dran.

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Bei Carina sieht das Tanzen irgendwie viel graziöser aus! „Ist das Heben und Senken mit hohen Schuhen eigentlich leichter?“, frage ich Carina. „Nein!“, sagt sie bestimmt. „Es liegt eher an der Wildledersohle. Damit kann man sich besser drehen.“ Gummisohlen hingegen kleben am Boden.

Wir setzen noch einen drauf: „Jetzt zeige ich euch den Wiener Walzer!“, kündigt Carina an. Den gibt es sogar schon länger als den Langsamen Walzer. „Aber er galt damals zunächst als unanständig, weil man dabei so nah zusammen tanzt.“ Bei den Temperaturen sind das nicht die besten Aussichten. Aber was tut man nicht, um einmal wie Sissi übers Parkett zu wirbeln?

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Trockenüben vorm Spiegel: Die Schritte sind gleich, nur kleiner und schneller. „Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei…“ Das gefällt mir noch besser als der Langsame Walzer, vielleicht liegt es aber auch am Sissi-Feeling. Bei Kaiser Franz sah das ziemlich steif aus. „Am besten beugt man die Beine etwas“, rät Carina. „So bekommt man besser Schwung. Mit geraden Beine geht das gar nicht.“ Beim Wiener Walzer spürt man die Schiffschaukel noch mehr. Lars und ich wirbeln über die Tanzfläche. Jetzt kommen wir endgültig ins Schwitzen.

„Beim Wiener Walzer elegant zu tanzen, ist schon um einige Nummern schwieriger als beim Langsamen“, sage ich nachher. „Dafür sah es aber gut aus!“, meinen Clara und Carina übereinstimmend. Um uns zwischendurch zu erholen, können wir eine Pause einbauen: Carina zeigt, wie wir auf der Stelle hin- und herpendeln, die Füße fast über den Boden schleifend. „Ja, das könnte man heute den ganzen Tag machen!“, sagt sie.

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Olli erlöst mich: „Inga darf jetzt mal Pause machen!“ Er möchte Clara und Lars beim Tanzen fotografieren. Bei ihrer Hochzeit im September wollen die beiden als Eröffnungstanz – wie könnte es anders sein – einen Langsamen Walzer tanzen. „Und einen Lindy Hop“, verrät Clara. An dem rock’n’roll-ähnlichen  Tanz haben sie nämlich auch Gefallen gefunden.

Lindy Hop? Wäre das nicht etwas für mich? Walzer würde meinem Tanzfreund zwar sehr gefallen – schwebte er doch schon über den Flur, als er von meiner Privatstunde hörte – aber mein Lieblingstanz wird er, glaube ich, nicht. Er ist schön, feierlich, verleiht wichtigen Festen viel Glanz, aber für meinen Geschmack darf es  eine Nummer wilder sein. Vielleicht bin ich einfach nicht Sissi genug - die Suche geht also weiter.



Fotos: Oliver Perkuhn, Imago
Video: Oliver Perkuhn

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Ich habe einen überaus tanzwütigen Freund. Bei jeder guten Gelegenheit – Disco, Stadtfest, Grünkohltour – schleudert er mich so wild über die Tanzfläche, dass mir nach spätestens zwei Runden schwindelig ist. Ohne Gnade! Dieser Freund fragte mich also, ob wir nicht mal einen Tanzkurs zusammen machen wollen. Ja klar! Warum nicht? Selbst bei unserem gekonnten Freestyle ist noch Luft nach oben.

Aber welchen Tanz lernen wir bloß? Es gibt ja so viele. Die Lösung lag auf der Hand: Ich tanze mich einmal quer durch Oldenburg – und dann entscheiden wir. Beziehungsweise ich. Denn das letzte Wort liegt bei mir, wie mir der Freund großzügigerweise versicherte. Bis ich den perfekten Kurs für uns gefunden habe, teste ich also verschiedene Stile und erzähle hier von meiner tänzerischen Reise durch die Stadt.


Sie tanzen? Und wollen Inga Wolter von ihrem Hobby überzeugen? Dann melden Sie sich unter inga.wolter@nwzmedien.de.

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