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Samba in Oldenburg: Hüftschwünge mit Oldenburgs Samba-Engel

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Heiße Rhythmen im kühlen Norden: „Ich tanze Samba mit dir, tanze Samba die ganze Nacht, tanze Samba mit dir... “, antwortet Fotograf Olli scherzhaft auf meine Frage, ob er mich zur Tanzstunde begleiten würde. In der Sambaschule in Eversten wurde ihm dann ganz schön heiß.

Samba ist meine Sehnsucht. Schon immer. Wenn es draußen stürmt, hagelt und schneit, träume ich von knalligen Farben. Einem satten Grün. Einem sonnigen Gelb. Einem Meeresblau. Ich höre Trommelrhythmen. Die immer lauter werden. Die mich hineinziehen, in den bunten, bebenden Straßenkarneval.

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Der Sommer lässt mal wieder auf sich warten, und die Lust wird zu groß. Auf einen neuen Tanz. Auf ein bisschen Lebensfreude. Einen Hauch von Exotik. „Samba in Oldenburg“, gebe ich spontan bei Google ein – und mir wird warm ums Herz: Es gibt wirklich eine Sambaschule, hier bei uns im Norden, mitten in Oldenburg! An einem kühlen Dienstagnachmittag mache ich mich auf den Weg nach Eversten zu Claudia (48) und Katharina Krahn (22).

In meinem Kopf tanzt die Frage: Kann jemand, der höchstens mal zu Bellinis „Samba de Janeiro“ zaghaft mit den Hüften gewippt hat, diesen temperamentvollen Tanz lernen?

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Katharina Krahn – lange, blonde Engelslocken, blaue Augen – ist der Beweis dafür, dass auch in einem Kind des Nordens brasilianisches Feuer brennen kann. Samba gehört zu ihrem Leben. Schon mit vier Jahren war sie dabei, wenn ihre Mutter trommelte. Sie lernte den Rhythmus, das Tanzen. Mit 14 übernahm sie in der Schule ihrer Mutter die Kindergruppe. Mit 18 bekam sie ihr erstes Federkostüm. „Schließlich tanzte sie sich frei“, erzählt Mutter Claudia. Trat bei einem Fest in Haaren an der Ems mit auf, tanzte, zeigte sich im Kostüm.

Die Tanz- und Trommelschule in Eversten gibt es seit 2003. Zunächst leitete eine Brasilianerin die Tanzkurse, bis Katharina sie komplett übernahm. Für Mutter und Tochter ist Samba pure Leidenschaft, dennoch bleibt das Tanzen, Trommeln und Unterrichten „erweitertes Hobby“: Katharina studiert Wirtschaftsinformatik, Claudia ist Mathelehrerin. Beide investieren aber viel Raum, Zeit und Geld in „ihren" Tanz.

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Einen Teil ihres Hauses im Balthasarweg haben sie zum Tanzsaal umgestaltet. „Hier war früher mal ein Gemeindehaus“, erklärt Katharina. „Lange sah man dort an der Wand noch den Abdruck eines Kreuzes.“ Jetzt wärmen sich hier die Mädels der Juniorgruppe auf. In Jeans, T-Shirt und Turnschuhen.

Ich mache mit – das heißt, ich versuche es. Schon beim Warmtanzen geht es rund. Zunächst komme ich kaum mit. Hüftkreisen, mit den Beinen wippen, die Arme nach oben und unten strecken. Wenn das so flott weitergeht, wird das nichts mit Samba und mir. Vielleicht bin ich doch zu sehr die steife, nüchterne Deutsche, die sich nicht locker machen kann.

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Ich plaudere mit Zoé Woetzel. Sie hat mit fünf Jahren in der Sambaschule, mit einem Schüttel-Ei shakend, angefangen. Nach dem Trommeln kam das Tanzen. Die Schule ist „ihre zweite Familie“. Am Samba faszinieren sie die andere Kultur, die Lebensfreude, die Kostüme, die gemeinsamen Auftritte. „Die meisten finden cool, was ich mache“, erzählt die 17-Jährige. „Einige Bekannte sind erst skeptisch. ,Du hast ja fast nichts an', sagen sie. Aber das macht mir nichts aus.“

Früher sei sie eher schüchtern gewesen, wollte nie im Bikini tanzen. „Jetzt aber ist das voll normal!“ Auch durch die Solotänze und Trommelauftritte bekam sie viel Selbstbewusstsein. „Und wenn ich mich verspiele oder vertanze, lächele ich drüber. Früher wäre ich dann am liebsten weggerannt.“ Sie findet schon, dass man Samba am besten lernt, wenn man noch sehr jung ist. Aber: „Spaß und Selbstbewusstsein sind das Wichtigste“, motiviert sie mich.

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Aus einer Mischung des portugiesischen Fado, europäischer Tanzmusik und afrobrasilianischer Musik entwickelte sich um 1870 in Rio de Janeiro der "Choro" - eine Vorform des Samba. Daraus entstand um 1920 der moderne Samba. Wenig später gab es bereits die erste Sambaschule in Rio. Der erste auf Schallplatte aufgenommene Samba war "Pelo telefone" von der Banda Odeon - ein Karnevalsschlager von 1917.

Heute existieren viele Varianten des Samba, vom ursprünglichen Samba de roda (Rundtanz) über den modernen Samba enredo bis hin zum Samba-Reggae. Daneben gibt es den Samba de Gafiera, den Paartanz. Die vereinfachte Tanzform, die auch in europäischen Schulen unterrichtet wird, hat aber kaum noch etwas mit ursprünglich brasilianischem Samba gemeinsam.


Samba-Connection Deutschland: Wo kann ich tanzen?


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Der erste Karnevalshit aus Rio de Janeiro: Pel Telephone

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„Seid ihr warm?“, ruft Katharina uns zu. „Ja!“ Dann kann’s ja richtig losgehen. Ich lerne die ersten Bewegungen. Wir setzen den rechten Fuß auf, den linken, die Knie nach vorne geknickt. Die Arme kommen dazu. Wir reißen sie über die Seite nach oben, die Hand gespreizt und abgeknickt.

„Schnäbelchen“ nennt Katharina diese Haltung, weil sie nun mal an einen Schnabel erinnert. Das muss ich erst mal verinnerlichen. „Quak, quak!“, ruft Katharina zur Erinnerung, während ihre Mutter ein paar der rund 80 Kostüme in den Tanzsaal bringt.

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Claudia Krahn hatte der Zufall zum Samba gebracht: Sie begleitete 1989 die Tochter einer Freundin ihrer Mutter nach Campinas zu einem Austausch und begeisterte sich schnell für brasilianische Lebensfreude und fürs Trommeln. Sie lernte Portugiesisch und Percussion -  auch bei „Protesttrommlern“ einer Anti-Atom-Gruppe, dann bei verschiedenen Lehrern in der Region und in den Niederlanden. „Die Trommler bringen das Geld rein“, sagt sie. „Die Tänzer geben es aus.“

Was sie für das Trommeln einnimmt, steckt sie meistens sofort wieder in die Kostüme. Für die aufwendigeren vernäht sie „Dimensionen an Stoff“, allein für Katharinas erstes Federkostüm brauchte sie 20.000 Pailletten. Immer mal wieder legt sie einen Hunderter für zusätzliche Verzierungen oder Ausbesserungen drauf. Das Nähen brachte sie sich selbst bei. „Ich bin ein Meister im Auftrennen“, sagt sie lachend.

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Den berühmten Karneval in Rio organisiert das Tourismusbüro in Zusammenarbeit mit der Liga der Sambaschulen. Jede Schule wählt wie im deutschen Karneval ein bestimmtes Thema für ihren Festwagen und die Kostüme. In jeder Gruppe gibt es bestimmte Rollen: Könige, Königinnen, Prinzessinnen und weißgekleideten Baianas, die Gruppe der Priesterinnen.

"In Rio gelten klare Regeln für die Sambaschulen", erklärt Claudia Krahn. Der Chef müsse alle zwei Jahre wechseln. Auch müssen 70 Frauen über 45 Jahre mitmachen. "So sichern die Damen sich, dass sie auch noch dabei sein dürfen, wenn sie keine Bikinifigur mehr haben", erklärt Claudia. Viele Punkte erfülle die Oldenburger Sambaschule - nur bei den 70 Frauen müssen sie passen. "Und dass alle zwei Jahre der Chef wechselt, das gibt's bei uns auch nicht", meint Claudia mit einem Augenzwinkern. Aber die verschiedenen Rollen im Karneval könnten sie besetzen. Auch eine Flagge haben die Oldenburger Samba-Frauen: die spontan für einen Auftritt umgestaltete Flagge von Bosnien-Herzegowina.

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„Manche Schritte sind sehr schwer“, sagt Laila (14). Sie tanzt seit etwa einem Jahr mit, ist also die Neueste in der Gruppe. „Aber man darf sich nicht sagen, dass man es nicht kann!“ Der Wille sei alles. Plus viel Übung. „Samba ist anstrengend. Man braucht viel Kondition.“ Den Samba-Grundschritt, den ich heute nur in Ansätzen gelernt habe, fand sie am Anfang schwer. Dabei tritt man eigentlich nur auf der Stelle. Dass es trotzdem elegant aussieht, liegt an der kreisenden Hüftbewegung, die sich bis in die Füße fortsetzt. Und eben in diesem offenen Hüftschwung liegt die Schwierigkeit für uns.

Laila bleibt dran, ist schon zweimal mit aufgetreten. Was andere denken, ist ihr egal. Hauptsache, sie hat Spaß. „Das Tanzen ist für mich Ablenkung. Wenn ich mit dem Kopf mal woanders bin, tanze ich und komme von dem Gedanken weg.“

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Nach der Drehung kreisen wir mit der Hüfte nach unten. Fast auf dem Boden lassen wir den Po nach unten fallen, so als würden wir uns ganz kurz auf einen Hocker setzen. Dann gehen wir, dem Oberkörper folgend, wieder nach oben. Die Choreographie sitzt. Bei den Mädels sowieso, bei mir zumindest grob. Wir tanzen sie mehrere Male, am Ende klatschen alle. Eine Samba-Königin bin ich nicht gerade, aber ich bin mir sicher: Das kann man lernen.

Für die Foto-Session ziehen Zoé und Katharina doch noch ihre Kostüme an. Zoé betritt in Pink die Tanzfläche, Katharina in einem indianischen Kostüm mit Federschmuck auf dem Kopf. Mir setzen sie eine schwere Obstschale auf den Kopf. Wie kann man damit bitteschön tanzen?

Audio: "Timbalada" der Sambaschule
Oldenburg (Arrangement: Christina Auer)



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Die Mädels haben schon sehr wenig an. „Wir tragen aber immer einen BH“, erklärt Katharina. „Strings sind unsere knappsten Höschen.“ In Brasilien ist das anders: Dort haben einige Tänzerinnen statt BHs nur eine Brustbemalung. Und die Höschen verdienen ihren Namen eigentlich nicht.

Für unseren Fotografen Olli reicht das oldenburgische „Rio“ allemal. „Ich werde gerade total rot!“, bricht es aus ihm raus, als er Zoé und Katharina fotografiert. „Inga, du bringst mich mit deinen Ideen echt in Verlegenheit.“ Alle lachen. „Entspann dich“, meine ich nur. „Beim nächsten Mal gibt’s Wiener Walzer!“ „Ne, alles gut“, murmelt er daraufhin.

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Die Mädels nehmen seine Verlegenheit gelassen. „Wir sind das gewöhnt!“, sagen sie. Als ich am Abend bei einer Party meinem Freund vom Samba erzähle, ist er schon sehr interessiert. „Tanzen das denn auch Männer?“, fragt er, weil wir ja zusammen einen Tanzkurs machen wollen.

„Es gibt Samba auch als Paartanz“, sage ich. „Aber das, was ich heute gemacht habe, tanzen meist Frauen. Die Männer trommeln!“ Er ist Feuer und Flamme. „Dann trommele ich und du tanzt!“ Ja ja, das hätte er gerne. So läuft das aber nicht. Die Suche geht weiter, auch wenn ich dem Samba verfallen bin.




Bilder und Video: Oliver Perkuhn
Bild von Claudia Krahn: Liesa Flemming

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Samba de Gafiera

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Ich habe einen überaus tanzwütigen Freund. Bei jeder guten Gelegenheit – Disco, Stadtfest, Grünkohltour – schleudert er mich so wild über die Tanzfläche, dass mir nach spätestens zwei Runden schwindelig ist. Ohne Gnade! Dieser Freund fragte mich also, ob wir nicht mal einen Tanzkurs zusammen machen wollen. Ja klar! Warum nicht? Selbst bei unserem gekonnten Freestyle ist noch Luft nach oben.

Aber welchen Tanz lernen wir bloß? Es gibt ja so viele. Die Lösung lag auf der Hand: Ich tanze mich einmal quer durch Oldenburg – und dann entscheiden wir. Beziehungsweise ich. Denn das letzte Wort liegt bei mir, wie mir der Freund großzügigerweise versicherte. Bis ich den perfekten Kurs für uns gefunden habe, teste ich also verschiedene Stile und erzähle hier von meiner tänzerischen Reise durch die Stadt.


Sie tanzen? Und wollen Inga Wolter von ihrem Hobby überzeugen? Dann melden Sie sich unter inga.wolter@nwzmedien.de.

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