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Los geht's

Tango in Oldenburg: Die Sehnsucht nach einer anderen Welt

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Schwingend, drehend, springend – hoffentlich mal schwebend: Onlineredakteurin Inga Wolter tanzt sich auf der Suche nach dem perfekten Kurs durch Oldenburg. Im ersten Teil der Serie tritt sie dem ersten Mann auf die Füße und geht der Bedeutung des Tangos auf den Grund.

Der Mann führt. Und ich muss mitmachen. Das habe ich schon in den ersten drei Minuten verstanden. Ob das ein Tanz für mich und meinen tanzwütigen Freund ist? Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Kurs - und heute steht Tango auf dem Programm.

Die Reise beginnt im Studio „Tanztraum Oldenburg“ an der Ofener Straße, bei Elena Vaychik (41), einer zierlichen Frau mit langen, schwarzen Haaren.Vor 18 Jahren kam sie für die Liebe nach Deutschland.Tango ist ihr Leben. Elenas Welt ist rot und golden und plüschig. Schön hier! Ich lasse mich auf einem der königlich-gemütlichen Stühle nieder, ein bisschen kribbelig, was jetzt gleich hier passieren wird.

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Da kommen schon Hellen und Gerd (40) dazu. Die beiden, Eltern von drei kleinen Kindern, tanzen, „um mal wieder rauszukommen“. Darum schenkte Hellen Gerd einen Kurs zum Geburtstag. Beide haben Erfahrung, auch wenn es schon etwas länger her ist. Gerd hat Volkstanz gemacht. Ganz früher. Zehn Jahre lang, bis er 14 wurde und anderes zu tun hatte. Zusammen haben sie lateinamerikanische Tänze gelernt.

Warum also nun Tango?

„Meine Vorstellung war: Tango kann man auch noch mit 90 tanzen“, sagt Hellen und lacht. „Tango ist was Besonderes“, meint Gerd. Hellen: „Er ist komplett anders als die meisten Standardtänze.“

Das merke ich auch, als ich meine ersten Gehversuche mache. Denn darum geht es beim Tango, ums Gehen. Sicher und elegant soll es aussehen. Geradeaus gehen ist so schwer!

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Zumeist bewege ich mich rückwärts durch den Raum. „Was hinter dir ist, dafür bin ich zuständig“, sagt mein äußerst verständnisvoller Tanzpartner Thomas Alexander (54). Er wirkt sehr vertrauenswürdig. Trotzdem fällt es mir schwer, die Kontrolle abzugeben. „Einfach gehen!“ Am besten klappt es, wenn ich überhaupt nicht dran denke, was meine Füße da unten veranstalten. Und mich möglichst auf Thomas einstelle, sofern mein Sturschädel das erlaubt. Beim Tango führt der Mann ganz anders als bei Walzer oder Disco Fox, finde ich.

Was mein tanzwütiger Freund durch deutliche Armbewegungen, Schieben und Drücken, ansagt, geschieht hier subtiler. Tänzer Gerd beschreibt es treffend: „Beim Standard reiße ich die Frau mit den Armen hin und her.“ Beim Tango tanze man mehr mit den Füßen. „Das Führen muss durch den ganzen Körper kommen, man muss den Flow spüren.“ Der muss erst einmal bei mir ankommen.

In die Adern fließen. In den Kopf.

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Gehen geht so.

Manchmal ist es mehr ein Stolpern. Oder ich zögere, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht. Elena zeigt die verschiedenen Möglichkeiten der „Umarmung“, also der Tanzhaltung. Die kann offen sein, in V-Haltung oder geschlossen, also nah. Thomas bringt mir die ersten Schritt-Kombinationen bei. Den Kreuzschritt. Den finde ich schon elegant. Aber ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht über meine Füße stolpere.

Einmal verhaken sich die Reißverschlüsse meiner Stiefel. Schlimmer ist, dass ich manchmal auch Thomas’ Füße treffe. Er nimmt’s gelassen und höflich, lacht und lächelt und freut sich über erste kleine Fortschritte. Ein Gentleman. „Schuld ist immer der, der führt“, meint Hellen nur dazu.

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„Du musst deinen Tango erst finden“, sagt Elena. Das klingt nach einer komplizierten, aber leidenschaftlichen Beziehung. Auch braucht man ein gutes Körpergefühl und viel Konzentration. „Was bedeutet er denn für dich?“ Jetzt will ich’s wissen, es liegt mir schon die ganze Zeit auf der Zunge: „Tango verbindet man ja vor allem mit Erotik und Leidenschaft. Was sagst du denn dazu?“ „Das ist europäische Sehnsucht“, ist die entzaubernde Antwort. „In Buenos Aires ist Tango viel mehr: Musik, Gefühl, Lebensart.“

In Argentinien bedeute Tango für jeden Menschen etwas anderes. „Einige erinnern sich, dass ihr Opa die Musik auf dem Akkordeon-ähnlichen Bandoneon gespielt hat. Andere, dass die Mutter dazu das Frühstück vorbereitet hat.“ Was bedeutet der Tango für Elena?

„Fernweh.“

Sie erinnert sich noch genau: Als sie ein kleines Mädchen war und mit einer Weltkarte daheim auf dem Boden lag, fiel ihr Blick als erstes auf Buenos Aires. Mit sechs Jahren fing sie mit dem Tanzen an, mit Ballett und dann Turniertanz. Aber ihre Sehnsucht galt früh dem Tango. Bis daraus Liebe wurde.

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Elena Vaychiks Lieblings-Tango: Mi Buenos Aires Querido
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Der Tango verbreitete sich Ende des 19. Jahrhunderts von Buenos Aires in der gesamten Welt. Zu der Zeit wanderten vor allem viele Spanier und Italiener nach Argentinien aus, weil in ihrer Heimat die wirtschaftliche Not groß war. Die verschiedensten Völker und Kulturen trafen aufeinander. Der Tango entwickelte sich aus einer kultischen Tanzpantomime.
 
1870 wurde diese bei Straßenfesten aufgeführt. Weil es dort immer wieder zu Schlägereien kam, gründeten die Tänzer Tanzhallen, in denen die Entwicklung des Tangos seinen Lauf nahm. Seit 2009 gehört der Tango zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit der UNESCO.

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Im Tango wird die Liebe besungen. „Eine unglückliche Liebe ist besser als gar keine“, sagt Elena. So sei es in Argentinien. Besser man leidet, als dass man über gar nichts singen kann. Manchmal handelt der Gesang aber auch von der Enttäuschung jener, die ihre Heimat verließen und nach Argentinien kamen. Das ist ein Teil der Tango-Geschichte, der so gar nicht der europäischen Sehnsucht nach Exotik, Erotik, Temperament und Leidenschaft entspricht. Auch wenn der Tango nicht all Klischees erfüllt, eines ist er auf jeden Fall:

Nähe.

„Man muss die Leute anfassen“, sagt Elena. „,Oft erschrecken sie, wenn ich sie zum ersten Mal in die Tango-Umarmung nehme. Irgendwann aber freuen sie sich.“ Sie warten dann sogar auf ihre Umarmung.

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Wollen als Ehrentanz bei ihrer Hochzeit Tango tanzen: Frank Junker und Christel Sibum
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Für Christel Sibum (41) und Frank Junker (45) aus Elisabethfehn bedeutet Tango Zusammengehörigkeit. Obwohl es Christel auch schwerfiel, die Führung voll und ganz ihrem Mann zu überlassen. „Das ist anders als im echten Leben“, sagt sie. Wo die Frauen doch heutzutage allein fest im Leben stehen. Aber mit dem Streiten sind sie nach 21 Jahren Beziehung durch. „Na ja, wir üben das mit dem Führen!“ Tänzerin Marzenna (53), die es sich mit Mann Dieter auf dem Sofa gemütlich gemacht hat, geht noch weiter. Sie sieht Tango sogar als „Therapie“ für emanzipierte Frauen, die dann mal ihre Verantwortung abgeben können.

Christel und Frank wollen auf ihrer Hochzeit einen Tango als Ehrentanz tanzen, als Überraschung. Walzer könne ja jeder. Tango sei etwas Besonderes. Weil er so gefühlsbetont ist. Sie „stolperten“ in einem Standard-Tanzkurs über den Tango. „Die Musik und das Gefühl haben uns eingefangen“, sagt Frank.

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Wollen als Ehrentanz bei ihrer Hochzeit Tango tanzen: Frank Junker und Christel Sibum
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Jeder hier hält aus einem anderen Grund am Tango fest.

„Es sind die Schuhe!“, sagt Marzenna. „Die gucke ich mir so gerne an, auch die Herrenschuhe. Die sind interessant.“

„Die Szene!“, sagt Dieter. „Die ist sehr verbindend, die besondere Atmosphäre, die Rhythmen!“

„Entspannung!“, sagt Thomas. „Beim Tanzen kriege ich den Kopf frei.“

„Eine andere Welt!“, sagt Elena. Wenn sie tanzt, verschwindet die Realität.

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Tango mit Elena Vaychik: Trailer für das Theater Laboratorium Oldenburg
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Und ich? Der Tango hat mich eingenommen. Auf jeden Fall. Als ich nach dem Tanzen nach Hause komme, schmeiße ich sofort meine Anlage an: I need Tango! Grübelnd lasse ich den Abend ausklingen. Taugt der Tango für unser Temperament? Die Musik ist toll – der Tanz ist fein, hat aber dennoch Kraft und Feuer. Aber ist Tango für den Freund und mich, uns kleine Rampensäue, wirklich genau das richtige? Ist er nicht ein bisschen zu innig, ein wenig zu in sich gekehrt? Auch wenn es moderne Stücke gibt wie Electrotango.

Klar ist: Es würde lange dauern, bis wir ihn so gut könnten, dass wir alle vom Parkett putzen. Was ja schon unser Ziel ist. Außerdem kann ich es nun wirklich nicht verantworten, die Führung komplett an meinen unbändigen Tanzfreund abzugeben. Die Suche geht weiter.

Bilder: Oliver Perkuhn, Inga Wolter, Imago



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Ich habe einen überaus tanzwütigen Freund. Bei jeder guten Gelegenheit – Disco, Stadtfest, Grünkohltour – schleudert er mich so wild über die Tanzfläche, dass mir nach spätestens zwei Runden schwindelig ist. Ohne Gnade! Dieser Freund fragte mich also, ob wir nicht mal einen Tanzkurs zusammen machen wollen. Ja klar! Warum nicht? Selbst bei unserem gekonnten Freestyle ist noch Luft nach oben.

Aber welchen Tanz lernen wir bloß? Es gibt ja so viele. Die Lösung lag auf der Hand: Ich tanze mich einmal quer durch Oldenburg – und dann entscheiden wir. Beziehungsweise ich. Denn das letzte Wort liegt bei mir, wie mir der Freund großzügigerweise versicherte. Bis ich den perfekten Kurs für uns gefunden habe, teste ich also verschiedene Stile und erzähle hier von meiner tänzerischen Reise durch die Stadt.


Sie tanzen? Und wollen Inga Wolter von ihrem Hobby überzeugen? Dann melden Sie sich unter inga.wolter@nwzmedien.de.


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Electrotango
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Tango-Szene aus dem Film "Der Duft der Frauen"
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