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Theaterclub

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Theaterjantje
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Für Theater und Schauspiel hat sich NWZ-Redakteurin Jantje Ziegeler (32) schon immer begeistert. Nun will sie eine Spielzeit lang im Erwachsenenclub des Oldenburgischen Staatstheaters mitwirken. In dieser multimedialen Dokumentation lässt sie die Leser an ihren Erlebnissen teilhaben – vom ersten Kennenlernen der Gruppe bis zur Premiere im April 2018.

Hier geht es direkt zu den aktuellsten Seiten der Dokumentation.

Theaterjantje
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„Oooh, schon viertel vor!“, schallt eine Frauenstimme über den Flur. Jetzt aber flott. Der Andrang und der kreative Trubel sind einfach zu groß, als dass es heute pünktlich um 19.30 Uhr hätte losgehen können. Es kommt mir vor, als läge das kreative Potenzial der gut 50 Theater-Begeisterten, die ins Probenzentrum des Oldenburgischen Staatstheaters gekommen sind, fast greifbar in der Luft.

Sie alle wollen mitmachen!
Selbst Theater spielen!
Eine eigene künstlerische Welt entwickeln!

Und ich, Jantje Ziegeler, Online-Redakteurin der NWZ, bin mittendrin.

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Der Erwachsenenclub des Staatstheaters bildet sich zu Beginn jeder Spielzeit neu und endet mit den Aufführungen im April.
In dieser Spielzeit wird es zwei Erwachsenenclubs geben. Beim heutigen Kennlern-Workshop wollen die verantwortlichen Theaterpädagoginnen
Sandra Rasch und Hanna Puka (von links) ihr jeweiliges Thema vorstellen und die Teilnehmer ein bisschen kennenlernen.
Sandras Gruppe mit dem Projekttitel „Losing my religion“ wird sich künftig jeden Mittwochabend treffen, Hannas Projekt lautet „Kriegsschatten“ und findet jeden Dienstagabend statt. Wer in welcher Gruppe mitmachen möchte, sollte seine Entscheidung für ein Projekt also nicht nur themenabhängig treffen, sondern auch das Organisatorische bedenken.
Insbesondere die Tage vor der Premiere werden sehr probenintensiv. Die Gruppe muss sich auf jeden Einzelnen verlassen können.
„Sonst sorgt das für schlechte Stimmung im Team“, weiß Sandra.

Ach, und übrigens: Wer es hasst, auf Socken oder barfuß zu laufen, für den ist das Ganze hier nicht geeignet. Schuhe dürfen im Proberaum, wo die wöchentlichen Treffen stattfinden, nicht getragen werden.

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"Das Theater versteht sich seit der Antike als ein Forum politischer Auseinandersetzung, in dem brisante zeitgeschichtliche Fragestellungen in unmittelbarer Art und Weise diskutiert und die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste einer Gesellschaft offengelegt werden.
Die Theaterpädagogik setzt im 21. Jahrhundert vor allem beim Subjekt an: In dem ästhetischen Ereignis kann künstlerisches Tun und Erfahren-Wollen eine politische Dimension entfalten — als Gegenentwurf zur Routine und Entfremdung in Alltag und Politik.
Politische Bildung wiederum fördert das demokratische Bewusstsein in der Bevölkerung. Sie motiviert die Menschen dazu, sich kritisch und aktiv am politischen Leben zu beteiligen und verfolgt somit das Ziel, Menschen zu autonomen und mündigen Staatsbürgern zu erziehen, indem Kenntnisse über das demokratische System vermittelt und Kompetenzen für demokratisches Handeln gestärkt werden.
Auch die immer stärker werdende Bedeutung der visuellen Wahrnehmung spielt bei der Entscheidung, das analoge Theater als Instrument politischer Bildung zu nutzen, eine bedeutende Rolle."

Quelle: Staatstheater

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„Ach! Hallo!“
Völlig überrascht entdecke ich zwei bekannte Gesichter unter den Interessenten.
Das eine Gesicht gehört zu einem alten Schulkameraden, mit dem ich zu Schulzeiten an der Theater-AG mitgewirkt habe; das andere der inzwischen pensionierten Gymnasiallehrerin, die besagte AG geleitet hat.
Die beiden haben sich kürzlich zufällig auf dem Wochenmarkt getroffen, da hat sie ihm vom Theaterclub erzählt. Keine Frage: Er wollte auch mitmachen.

Überhaupt, so scheint mir, ist hier niemand dabei, der noch nie etwas mit künstlerischem Schaffen zu tun hatte.

Jetzt gibt es aber erstmal ein paar Aufwärmübungen (ausnahmsweise doch mit Schuhen). Wir beginnen, durch den Raum zu laufen. Auf ein Zeichen hin sollen wir dann bestimmte Aufgaben möglichst schnell erfüllen.
Zum Beispiel eine Fünfergruppe bilden, von der sechs Beine, drei Arme und ein Kopf den Boden berühren.
Oder zu neunt ein Familienfoto stellen.

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Warum werden wir eigentlich ein eigenes Stück entwickeln? Warum spielen wir nicht einfach beispielsweise „Nathan der Weise“?
Die Theaterpädagoginnen werden das oft gefragt.
„Klar, wir könnten auch ,Nathan der Weise‘ spielen und sagen: ,Jetzt zieh dir mal ‘n Mantel an und lauf von da nach da… Gut! Und jetzt mal in traurig‘“, erklärt uns Sandra, „aber das würde euch in eurer künstlerischen Entwicklung nicht viel bringen.“
Stattdessen sind unser Selbsterlebtes, unsere Erfahrungen und Gedanken gefragt.  


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Damit die Theaterpädagoginnen zwei möglichst bunte Gruppen zusammenstellen können, sollten wir im Vorfeld einen Zettel ausfüllen.

Aufgabe 1: „Schreibt 10 Minuten lang ohne den Stift abzusetzen ALLES, was euch in den Sinn kommt zum Stichwort „RELIGION“, auf. Alle Sprachen sind erlaubt!“

Oder Aufgabe 2: „Habt ihr euch mit der Kriegsvergangenheit eurer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern während des Zweiten Weltkriegs oder eines anderen Krieges auseinandergesetzt? Gibt es Geschichten, Zeitzeugenberichte oder Gegenstände, die in eurer Familie einen besonderen Stellenwert haben? Schreibt eure Gedanken dazu auf. Oder was interessiert euch persönlich an diesem Thema?“

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Die Kriegsvergangenheit meiner Großeltern? Hm. Ich weiß wenig. Nach und nach fallen mir aber doch die eine oder andere Geschichte oder Bemerkung ein.
Abgesehen davon bin ich während meiner Schulzeit im Unterricht immer wieder und wieder mit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert worden.
„Das ist typisch!“, sagt Hanna. Genau diese Aussage habe sie jetzt schon oft von Menschen unserer Generation gehört.
Zur Vorbereitung auf diese neue Theatergruppe hat sie viel recherchiert, viele Bücher gelesen. Und dabei festgestellt, dass gerade in den letzten zwei Jahren irre viele Bücher dazu veröffentlicht worden sind. Einige davon hat sie zum Kennlern-Workshop mitgebracht.

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Ich habe eine Mail bekommen! Von Hanna. Ich bin beim Theaterclub dabei! Auf zum ersten Treffen, um meine Gruppe kennenzulernen!

"Es war sehr schwierig, eine Gruppe zusammenzustellen, da so viele spannende Persönlichkeiten beim Kennlernworkshop anwesend waren", erzählt Hanna seufzend.
Doch da erfahrungsgemäß eine Gruppe mit nur maximal 12/13 Teilnehmern gewährt, dass jeder darin wahrgenommen werden kann, mussten die Theaterpädagoginnen vielen absagen.

Unsere "Kriegsschatten"-Gruppe besteht - neben Hanna und FSJ-lerin Amelie - aus 13 Männern und Frauen unterschiedlicher Generationen und unterschiedlicher Nationalitäten.

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Im Probenzentrum, schräg hinter dem Oldenburgischen Staatstheater, treffen wir uns ab jetzt jede Woche für zweieinhalb Stunden.

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Bei unseren ersten Treffen lernen wir uns allmählich gegenseitig kennen, während wir unterschiedliche Theaterübungen und Spiele, die vor allem die Wahrnehmung fördern, meistern.
Nur keine Berührungsängste: Wenn man zu sechst oder siebt die Aufgabe hat, das Handtuch, auf dem man steht, umzudrehen - ohne dass einer den Boden berührt -, kommt man sich durchaus nahe.
So quietschvergnügt, wie "Darsteller" und Publikum dabei sind, hat so ein Spiel übrigens wahre Partyqualitäten.

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Besonders aufmerksam muss Timo (Mitte) gerade sein: Dieter und Margit wollen in dieser Übung beide ein Gespräch mit ihm führen. Jeder hat ein eigenes Thema, zu dem er Timos Meinung hören will: Dieter hat eine neue Frau kennengelernt, Margit hatte einen wirklich doofen Tag.
Der arme Timo. Unter Vollanspannung versucht er, beide Gespräche gleichzeitig zu deichseln - natürlich wie immer sehr zur Freude von uns anderen, die zusehen.

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Für die Entwicklung unseres Stückes sollten wir zum heutigen Treffen Fotos mitbringen: Familienbilder aus vergangener Zeit. Fotos aus der NS-Zeit, aber auch Familienbilder aus den 60ern/70ern.
Wir breiten sie auf dem Boden aus, inspizieren sie neugierig. Jeder pickt sich dabei eines aus, das er den anderen dann mit seinen eigenen Gedanken zu dem Fotografierten vorstellt. Zuletzt stellt derjenige das Bild vor, der es mitgebracht hat.
So hat sich Eva-Maria zum Beispiel folgendes Bild ausgesucht, das ich mitgebracht habe (siehe nächste Seite):

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Es zeigt meine 1928 geborene Oma als junges Mädchen (sie ist diejenige, die vorne am "Flugzeug" hängt) bei einem Familienausflug. Gemeinsam mit Gesellen, die bei der Familie meiner Oma damals wohnten, hatten sie einen Ausflug zum Kölner Flughafen unternommen, wo diese Fotomontage entstand.

Einige weitere Bilder, die ich bei meiner Oma gefunden habe, habe ich auf der folgenden Seite zusammengestellt. Einerseits war es beeindruckend, solche Dokumente einer vergangenen Zeit zu entdecken - andererseits zum Teil aber auch erschreckend. So ist auf einer Karte der 1899 geborene Vater meiner Oma in Uniform zu sehen; beide Weltkriege hat er miterlebt. Auf der Karte steht rund um das Foto herum:

"Dem teuren Vaterland allein
soll der Soldat sein Leben weih'n

Gehorsam, Treue, Tapferkeit,
des deutsche Kriegers Ehrenkleid

Gott mit uns!

Zur Erinnerung an meine Dienstzeit"

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und (fast) alle Fragen offen" - wie es mit der Entwicklung des Theaterclubs bis zur Premiere im April 2018 weitergeht, wird in dieser Dokumentation laufend aktualisiert.

Hier finden Sie einen Artikel zur Inszenierung des Erwachsenenclubs im vergangenen Jahr:
Theaterpädagogik in Oldenburg - Die Kunst, innerhalb des Lichtkegels zu sterben

Mit freundlicher Unterstützung des Oldenburgischen Staatstheaters.

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(Bilder: imago (Titel- und Endbild), Johannes Bichmann (Portrait), Archiv (Staatstheater); alle anderen: Jantje Ziegeler)



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