Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Disko "Charts"

Logo https://nwzonline.pageflow.io/disko-charts

"Charts" - mehr als nur Musik

Wohl jeder hat beziehungsweise hatte eine Lieblingsdisco. Ein Ort, an dem man sich einfach wohl fühlt. Die Disco-Landschaft im Oldenburger Land ist seit Ende der 1990er Jahre extrem geschrumpft. Dabei gab es damals richtig gute Läden. Die Diskothek "Charts" in Harkebrügge war einer dieser legendären Schuppen.
Zeit für eine kleine Hommage an diese wunderbare Dorf-Disco und die "gute alte Zeit".
Zum Anfang
„Smells Like Teen Spirit“ - Kein anderes Lied verbinde ich musikalisch so sehr mit den 1990er Jahren wie diesen Song von „Nirvana“. Zugegeben, bis heute verstehe ich nicht jede der lyrischen Textzeilen, die Kurt Cobain damals zu Papier brachte. Doch „Hier sind wir, nehmt uns wie wir sind“ (frei übersetzt) hatte ich als 17-Jähriger sehr wohl verstanden.  

Da waren wir nun. Eine Horde Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsensein. Längere Haare, Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Dann noch eine selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel, mit Freunden abhängen, ein bisschen Party feiern und Bassist in einer Garagenband  namens „Shit Happens“. Das reichte zum Glücklichsein. Halt. Nicht ganz. Denn zum perfekten Glück gehörte ein ganz bestimmter Ort: Das „Charts“ in Harkebrügge.

(Das auf den Bildern bin übrigens ich in den 1990er Jahren. Musik spielte schon immer ein große Rolle in meinem Leben.)
Zum Anfang
Schließen
Zum Anfang
Die Disco sollte für ein paar Jahre mein zweites Zuhause werden. In diesem Laden an der Dorfstraße  hatte ich gefühlt mehr Zeit verbracht als Zuhause, oder in der Schule. 1991 trat ich erstmals über die Türschwelle der Diskothek. Vorbei am eigentlich viel zu kleinen Kassen- und Garderobenraum stand man gleich  mitten im Geschehen. Räumlich war es kein Highlight. Tanzfläche, Leinwand, erhöhter DJ-Bereich, lange Theken, separates Bistro (mit sehr leckeren Baguettes) und Teestube im Keller. Es war dunkel, laut, schmuddelig. Für eine Disco nicht wirklich ungewöhnlich. Darum ging es aber auch nicht. Es ging um den (Zeit-)Geist, der in diesen Räumen herrschte. Und es ging darum, welche Musik gespielt wurde.
Zum Anfang
Grunge hieß die Zauberformel Anfang der 1990er Jahre. Diese ganz eigene Mischung aus Rock, Heavy Metal, Punk und Alternative erfasste mich und viele meiner Freunde. „Nirvana“, „Soundgarden“, „Pearl Jam“. Noch heute drehe ich die Musikanlage bei Songs wie „Come As You Are“, „Black Hole Sun“ oder „Alive“ auf Anschlag. Im gleichen Atemzug gehören für mich aber auch die ganzen Crossover-Bands dazu. „Faith No More”, "Clawfinger”, “Rage Against The Machine”, “Body Count”, “Dog Eat Dog”  und, und, und.
Im Radio fanden diese Bands so gut wie gar nicht statt. Im “Charts” schon, stundenlang. Die dazugehörigen Musikvideos gab es auf der großen Leinwand oftmals gleich mit dazu. Genial. Hier fühlte ich mich wohl.
Zum Anfang
Schließen
Zum Anfang
Die DJs hatten aber deutlich mehr drauf als den aktuellen Grunge-Hype. „The Doors“ , „U2“, Iggy Pop, Jamiroquai, „The Cure“, „Tool“, Lenny Kravitz, David Bowie, „Massive Attack“, “REM”, „Joy Division“ - Die Playlist war jedes Wochenende prallvoll und jedes Mal eine  echte Offenbarung. Der damalige „Charts“-Inhaber Wolfgang Schönenberg (leider viel zu früh verstorben) legte selber auf und hatte auch bei der Auswahl seiner DJs immer ein glückliches Händchen.

Es wurden auch immer wieder Live-Bands in das kleine Dorf geholt. Vier Konzerte durfte ich selber miterleben. Zum einen „Phillip Boa and the Voodooclub“ (1991). Die Band war damals voll angesagt. Es wurde sogar extra ein riesiges Zelt an die Disco gebaut. Der Auftritt war einfach super. An „Das Auge Gottes“ (1994) kann ich mich eigentlich so gut wie gar nicht mehr erinnern. Schade eigentlich. Umso mehr kann ich mich an den Auftritt von Herman Brood (1995) erinnern. Aber eher im negativen Sinne. Ein sehr skurriler Auftritt eines lustlosen, arroganten Künstlers. Weniger bekannt, aber richtig klasse und schön verrückt war dagegen die Band „Madonna HipHop Massaker“ (1996).
Zum Anfang
Schließen
Zum Anfang
Das „Charts“ war aber nicht nur die Summe aus guter Musik und netten Leuten. Das „Charts“ verkörperte auch eine Haltung. Und das erlebt man in der heutigen Zeit  in der ohnehin raren Disco-Szene kaum noch. Das „Charts“ übernahm gesellschaftspolitische Verantwortung. Dabei ging es überhaupt nicht um Parteipolitik. Die Diskothek stand einfach für Werte wie Toleranz, Vielfalt, Weltoffenheit, Umweltschutz  und Frieden. Und ganz wichtig: Es wurde ganz unmissverständlich gegen Rechts Position bezogen. Das gefiel mir außerordentlich gut und prägt mich bis heute.
Zum Anfang
Mitte der 1990er Jahre begann aber plötzlich etwas, was nur schwer zu deuten ist. Eine richtige Erklärung habe ich dafür bis heute nicht. Immer weniger Leute fanden den Weg ins „Charts“. Das war keineswegs ein alleiniges Problem der Harkebrügger Disko, sondern ein generelles Phänomen. Die Besucherzahlen gingen schleichend zurück – und somit auch die Wirtschaftlichkeit. Letztere ist trotz aller Leidenschaft für die Sache fundamental wichtig. Wolfgang Schönenberg riss 1996 die (erste) Reißleine.

Kaum zu glauben, aber das „Charts“ machte dicht. Nach fast 19 Jahren. Sechs Jahre davon war das „Charts“ ein fester Bestandteil meines Lebens. Rückblickend ganz klar eine der geilsten Zeiten meines Lebens. Klar, es gab noch Versuche, die Disco zu retten. Unter anderem durch den neuen Namen „Sounds“. Später dann nochmal „Charts“. Aber es war nicht mehr das gleiche. Die Luft war raus. 1999 war das Ende besiegelt.
Zum Anfang
Schließen
Zum Anfang
Das Gebäude steht noch an der Dorfstraße. Eine Ruine. Auf der einen Seite ist es extrem schade, das Haus in so einem schlechten Zustand zu sehen. Auf der anderen Seite: Wann immer ich durch Harkebrügge fahre, erinnert es mich immer an die grandiose Zeit, die ich dort verbringen durfte.  

Außerdem: „Charts“-Stammgäste fühlen sich ja bis heute irgendwie verbunden. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass im Oldenburger „Polyester“ hin und wieder „Remember Charts Harkebrügge“-Partys gefeiert werden. Organisiert werden diese von Sven Strohschnieder (von ihm habe ich auch einige Bilder bekommen. Vielen Dank!)  und Stefan Mühlhaus. Die nächste Party findet übrigens am 17. Februar 2018 in Oldenburg statt. Eine Facebook-Gruppe mit bislang 562 Mitgliedern gibt es natürlich auch (Stichwort: Charts Harkebrügge).

Auch wenn das „Charts“-Gebäude heute ein Fall für die Abrissbirne ist, Tod ist das „Charts“ noch lange nicht.
Zum Anfang
Nirvana – Smells Like Teen Spirit
The Doors – Break On Through
Pearl Jam – Alive
Faith No More – Epic
Soundgarden – Black Hole Sun
The Offspring – Self-Esteem
R.E.M. – Shiny Happy People
Clawfinger - The Truth
Rage Against The Machine – Bullet In The Head
Beastie Boys – Sabotage
Jane’s Addiction – Been Caught Stealing
Phillip Boa And The Voodooclub – This Is Michael
The Cure – Boys Don’t Cry
Alice In Chains  – Would?
U2 – Sunday Bloody Sunday
Iggy Pop – Passenger
Rocky Horror Picture Show – Time Warp
Primus – Too Many Puppies
Cake – I Will Survive
Lenny Kravitz – Always On The Run
Billy Idol – Rebel Yell
Joy Division – Love Will Tear Us Apart
The Sisters Of Mercy – Temple Of Love
Suede - So Young
The Charlatans – The Only One I Know
Therapy? – Nowhere
Massive Attack – Unfinished Symphaty
Fugazi – Waiting Room
Tool – Sober
Red Hot Chilly Peppers – Under The Bridge
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden