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Station D3

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Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg an der Cloppenburger Straße in Kreyenbrück erhält ab August eine Psychiatrische Abteilung. Viel Geld, Anstrengungen und auch Zeit wurden für den Umbau investiert - Werte, die vor allem schweren Jungs mit psychischen Störungen helfen sollen, wieder zurück in den Alltag und vielleicht auch ein besseres, weil anderes Leben zu finden. Davon soll letztlich auch die Gesellschaft profitieren.

Ein Rundgang durch die Station D3 in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

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Rund ein Dreivierteljahr hatte der Umbau auf Station D3 in Anspruch genommen. Stahlwände wurden herausgeschnitten, Nass- wie andere Zellen "barrierefrei" (besser: behindertengerecht) gestaltet, neueste Überwachungstechnik installiert, selbst ein Krisenraum geplant und ausgestaltet. Unter anderem.
Die Kosten von 266.000 Euro stammen aus Steuergeldern, viele Arbeiten seien aber auch in Eigenleistung gemeistert worden.

Um einen reibungslosen Betrieb und die entsprechend zügige Renovierung zu gewährleisten, wurden die vormals hier untergebrachten Häftlinge zu Beginn des Umbaus auf andere Stationen verteilt.


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Zwei Kameras an der Decke, Zugriffsmöglichkeiten von zwei Seiten, abgerundete Wände, Gummimöbel, Tageslicht und Frischluft-Gitter - aber auch ein Fixierbett, wenn nichts anderes mehr hilft: das ist der so genannte "Krisenraum", der jetzt für rund 90.000 Euro auf Station D3 der JVA installiert wurde.

Ein "bisschen stolz" sei er schon darauf, so Thomas Heidemann (Fachbereichsleiter Bau) - weil man durch ganz Niedersachsen gereist sei, um die besten Elemente für den besten, modernsten Ansprüchen erfüllenden Krisenraum zu finden. Das sei gelungen, findet auch JVA-Leiter Gerd Koop.

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Solch ein gitterfreies Fenster bekommen die Gefangenen auf Station D3 nicht zu sehen, es bleibt den hier Beschäftigten vorbehalten.

Einen Sonderstatus haben die in der Psychiatrischen Abteilung Inhaftierten nicht. „Sie sollen wissen, dass sie Strafgefangene sind, sie werden nicht hofiert, brauchen auch keine zusätzlichen Stigmata“, sagt Inga Deutschmann, die Leitende Psychiaterin.

Was Gefangene hier aber sollen: So weit wie möglich stabilisiert werden, damit sie wieder zurück in den normalen Vollzug „entlassen“ und vielleicht auch resozialisiert werden können.


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Zwei Spinning-Bikes und ein paar wenige andere sportliche Kleinigkeiten, um sich fit zu halten - das ist der "Fitnessraum", der sich von anderen Stationen der JVA nicht wirklich unterscheidet.

Teelöffel, Tassen und Co. im Hintergrund sind indes nicht für die Inhaftierten für einen etwaigen gemütlichen Plausch während des Trainings gedacht, sondern für Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz.

Sie eröffnet die Station am 19. Juli.



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Auf Billardqueues und schwere Kugeln hat die JVA auf Station D3 bewusst verzichtet, auch Dartpfeile werden nicht ausgegeben.
Eine Tischtennisplatte und ein Kickertisch in Schwarz-Gelb sollten aber den ersten Bewegungsdrang oder auch die Langeweile lindern.

Im Hintergrund hängt ein Schild mit dem Anstalts-Credo: "Null Toleranz". Dort steht geschrieben: "Wir in der JVA Oldenburg akzeptieren keinerlei Ausübung von Gewalt - weder in körperlicher Hinsicht noch in seelischer Form. Durch Schweigen können wir solche Taten aber nicht verhindern, Schweigen schützt den Täter!" Und: "Der Schutz von Ihnen und anderen betroffenen Inhaftierten hat für uns oberste Priorität!"

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Neben dem "freien Spiel" im Freizeitraum gibt es auch angeleitete Arbeiten, die den Inhaftierten auf ihrem Weg zur Resozialisierung helfen sollen.
Malerei oder Schreinern - auch dafür gibt es hier einen entsprechenden Raum und etwaige Unterstützung.

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Auf der Station wird es rege Betriebsamkeit geben: Geplant ist ein Schichtdienst mit mehreren pflegerischen Kräften und Fachdiensten, Sozialarbeitern, Psychologen, Ergo- und Physiotherapeuten, Suchtberatern und zwei Psychiatern.

Allesamt sind sie medizinische Fachkräfte, so auch examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger, die eine zusätzliche Ausbildung im mittleren Vollzugsdienst hinter sich haben und auf den Ernstfall also zumindest vorbereitet sein dürften.

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Nicht nur bereits in Oldenburg Inhaftierte, sondern auch Gefangene aus vier weiteren niedersächsischen Justizvollzugsanstalten sollen auf Station D3 an der Cloppenburger Straße aufgenommen werden. Wer tatsächlich hinein darf, entscheidet die Leitende Psychiaterin Inga Deutschmann. Nötig dazu sei vor allem das Problembewusstsein und die Veränderungsmotivation beim Patienten, heißt es.

Bis zu ihrem ersten Arztkontakt werden "Neuzugänge" in diesem Raum untergebracht. Der ist kameraüberwacht, hat keinen abschließbaren Nassbereich. Wichtig für die Pfleger vor Ort: Hört der Inhaftierte Stimmen? Hat er zwanghafte Momente? Spricht er zu Wänden? Dieser Kurzaufenthalt in einem dieser beiden Spezialräume kann schon reichlich Aufschluss über die Schwere der Erkrankung - und die nötige Therapie - geben.

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Da auch Straftäter eine körperliche Behinderung haben können, sind zwei Räume der insgesamt 16 Einzelhaft- und 2 Doppelzimmern behindertengerecht ausgestattet. Der Begriff "Barrierefrei" würde in einem Gefängnis wie diesem nicht wirklich zutreffen.

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Bis auf die zwei behindertengerecht umgebauten Zimmer stehen den Patienten der Psychiatrischen Abteilung Gemeinschaftsduschen zur Verfügung.

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Um möglichst rasch wieder ein halbwegs normales Leben führen, Psychosen hinter sich zu lassen oder mit Erkrankungen zurecht  kommen zu können, sind scheinbar alltägliche Dinge von großer Bedeutung.

In der offen stehenden Gemeinschaftsküche können sich Inhaftierte selbst etwas zubereiten.

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Wer eine psychische Erkrankung hat, muss nicht weniger gewitzt sein als andere Inhaftierte. Um etwaigen Versteckspielchen vorzubeugen, sind beispielsweise Regale nicht fest verschraubt - und auch die Fernsehgeräte geben in ihrer Verkleidung keine Geheimverstecke her.

Transparente Rückwände verhindern, dass Inhaftierte dumme Dinge tun und gefährliche Gegenstände darin verschwinden lassen.

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Tatsächlich werden die so genannten Patienten für vier bis sechs Wochen "auf Station" bleiben, dann je nach persönlicher Situation probehalber in den normalen Strafvollzug umziehen.

Bis dahin erhalten sie regelmäßige Einzel- und Gruppengespräche, aber auch Untersuchungen und „kurzfristige Interventionen“, wie Inga Deutschmann sagt - falls nötig. 

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Die ständige Kameraüberwachung sei durchaus ein "ethisches Problem", sagt Inga Deutschmann, "aber es gibt Krankheitsbilder, bei denen eine solche stete Beobachtung auch mehr Sicherheit vermittelt - übrigens auch für die Patienten selbst".

Gerade im Krisenraum oder den Aufnahmezimmern können sie im Notfall eine schnelle Hilfe ermöglichen. "Einen Suizid aber kann keine Kamera verhindern", so die Psychiaterin.

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Ob nun Patienten oder Straftäter - wie auch immer die Inhaftierten hier genannt werden: Auf Station D3 sind sie vorerst von anderen Häftlingen abgeschirmt und unter Kontrolle der ausgewiesenen Pflegekräfte.

20 Plätze sind hier geschaffen worden, angesichts der Vielzahl potenzieller Kandidaten wird die Abteilung damit auf Jahre „voll ausgebucht sein“. Das wird Justizministerin Niewisch-Lennartz zwar nicht unbedingt erfreuen, aber ganz bestimmt erleichtern. Der Anteil von Strafgefangenen mit psychischen Störungen soll bei 70 bis 80 Prozent liegen, sagt sie. Therapiebedürftig seien indes rund 20 Prozent. Angesichts von mehreren Tausend Inhaftierten allein in Niedersachsen ist die Oldenburger Station da eher der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.


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Deutschmann ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychiatrie (unter anderem), leitet die Station D3. Eigentlich sind hier zwei Psychiater für den Dienst am Patienten vorgesehen - bislang lief die Ausschreibung aber ernüchternd. "Der Job scheint nicht sehr attraktiv", sagt sie.

Verwundern tut das nicht, schließlich ist angesichts des Ärztemangels in diesem Fachgebiet auch wie gerade die Psychatrische Abteilung einer Justizvollzugsanstalt (wo in der Hauptsache schwere Jungs wegen Mordes und anderen ebenso unschönen Delikten untergebracht sind) nicht unbedingt Jedermanns erste Wahl.

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Eine tatsächliche Rund-um-die Uhr-Beobachtung der Inhaftierten ist hier in Oldenburg nicht möglich. Das kann nur das Niedersächsische Justizvollzugskrankenhaus in der JVA Lingen leisten - es ist zuständig für stationär aufzunehmende Gefangene aus Niedersachsen und Bremen (77 Betten in 4 Abteilungen).
Hier in Oldenburg gibt es aber eine Kooperation, ein Stufenmodell mit der hiesigen Karl-Jaspers-Klinik. 

Außerdem gibt es einen Austausch mit der neuen Suchtklinik in Kreyenbrück, nur wenige hundert Meter entfernt.

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Gerd Koop ist Leiter der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Seine Philosophie: Wer sich an die Regeln hält, bekommt Vergünstigungen. Wer dagegen verstößt, hat die Konsequenzen zu tragen. Das Leitbild: "Wir sind konsequent und liberal."

Hierzu gehört absolute Sauberkeit in der Anstalt, harte Konsequenzen schon bei kleinen Gewalttätigkeiten und Sanktionen bei geringem Suchtmittelmissbrauch, heißt es. Dieses System funktioniere seit 20 Jahren.
Koop dazu: "Wir wollen mit unserer Arbeit in der JVA Oldenburg einen sicheren Vollzug gewährleisten, einen professionellen Umgang mit den Gefangenen sicherstellen und eine Integration der Gefangenen nach der Entlassung ermöglichen." 
 

Das Gebäude wurde im Jahr 2001 auf einem etwa zehn Hektar großen Teilstück der ehemaligen Hindenburg-Kaserne im Stadtteil Kreyenbrück in Betrieb genommen. Die Baukosten betrugen ca. 53 Millionen Euro.

Die JVA Oldenburg entspricht höchsten Sicherheitsstandards. Bauliche Maßnahmen, zum Beispiel die Anstaltsmauer von 6,5 Metern Höhe, detektierte Zäune, Videotechnik, Alarm- und Sicherungseinrichtungen, ermöglichen einen sicheren Vollzug. Besonders gefährliche Gefangene sind auf einer speziellen Sicherheitsstation untergebracht. In der JVA Oldenburg wird Untersuchungshaft und Strafhaft vollzogen. Die Anstalt verfügt über 304 Haftplätze.

Zur JVA Oldenburg gehören zwei weitere Abteilungen. In Nordenham (46 Haftplätze, davon sechs Frauen), in Wilhelmshaven (77 Haftplätze) wird offener Vollzug und Freigang vollzogen. Zurzeit verfügt die Justizvollzugsanstalt Oldenburg damit über 427 Haftplätze.

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Im Juli 2017

Fotos und Texte:
Marc Geschonke für die NWZ Oldenburg

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