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Schockstarre

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Ein Schuss.
Noch einer.
Ein dritter.
Und die Welt steht still.

Es war kurz nach 18 Uhr, als an diesem 27. Juli 2017 das Oldenburger Leben sich überschlug und gleichsam jäh unterbrochen wurde. 

Zum zweiten Mal binnen 58 Tagen wurde ein Mensch getötet. Nicht etwa nachts hinter verschlossenen Türen -  sondern am helllichten Tag. Keine Leichname, die Wochen später aus Hunte oder Erdboden gezogen wurden - sondern Todesfälle, die mitten im Herzen der Stadt geschahen.

Hatte ein junger Mann Ende Mai mitten in der Innenstadt und unter den Augen zahlloser Passanten einen syrischen Landsmann nach Streitigkeiten mit einem Messer getötet und Oldenburg wie selten zuvor erschüttert, sollten diese Schüsse in einem Ladenlokal nun ein weiteres Mal für kurzzeitige gesellschaftliche Schockstarre sorgen. Ein 65-Jähriger verstarb noch am Tatort, ein 60-Jähriger wurde überdies schwer verletzt. Tatverdächtig ist ein 38-jähriger Oldenburger mit türkischer Staatsangehörigkeit, der sich vor Ort festnehmen ließ.

Die Umstände dieses Tötungsdelikts sind zwar polizeilich "ausermittelt" - umfänglich geklärt und juristisch bewertet aber noch nicht. Zahlreiche Fragen sind offen, zahlreiche Gerüchte zu Tat und Täter(n) machen die Runde.

Diese Dokumentation soll Einblick ins Prozessgeschehen, in die Ermittlungen und all die wilden Gerüchte geben. 

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Auch wenn die offiziellen Zahlen der Polizei zu den "Straftaten gegen das Leben (inkl. Versuche)", wie es im Behördensprech heißt, für gewöhnlich erst Anfang Februar zur Verfügung stehen, so hat sich ein lauter Teil der  Oldenburger Bevölkerung doch längst eine Meinung über die Geschehnisse im Jahr 2017 gebildet. 

Schenkt man den zahlreichen privat verfassten Kommentaren in den hiesigen Sozialen Medien Glauben, dann kann man sich "nicht mehr raustrauen", ist "alles so schlimm wie noch nie" und Oldenburg quasi "verloren". Nicht ganz so dramatisch, aber doch mit reichlich Skepsis untermauert, gestalten sich die Smalltalks im Supermarkt und über dem Gartenzaun. Sprich: Diese Taten - und noch ein weiterer schwerer Gewaltakt im Juli des vergangenen Jahres - wirkten nach. 

Tatsächlich dürfte die Zahl der im Jahr 2017 bekannt gewordenen, absichtlich und durch fremde Hand herbei geführten Todesfälle in beängstigende zweistellige Höhen geschnellt sein.

Ist die Sache damit klar? Mitnichten. Denn vor allem ein deutscher Serientäter wird mit seinen Taten in den Jahren 2000 bis 2005 die kommende Oldenburger Statistik verfälschen und damit die Zahl der tatsächlich im vergangenen Jahr verübten Tötungsdelikte um ein Vielfaches erhöhen: Klinikmörder Niels Högel. Er soll in Oldenburg (und Delmenhorst) mindestens 106 wehrlose Patienten getötet haben, wie die Ermittler der Sonderkommission „Kardio“ final im vergangenen Jahr feststellen mussten.

Bereits 2016 hatte Högel die lokale Kriminalitätsstatistik in diesem Segment bestimmt. 19 bekannt gewordene Fälle waren darin ausgewiesen - fast doppelt so viele wie in den Vorjahren. Zur Erklärung hieß es schon damals: "Statistisch auffällig ist die Steigerung von 10 auf 19 Fälle. Hierunter befinden sich zwei vollendete Taten - jeweils eskalierte Umstände im familiären Umfeld - sowie fünf Verdachtsverfahren gegen Angehörige medizinischer Berufe. Bei den weiteren Vorfällen ließen die Gesamtumstände der jeweiligen Vorgehensweisen den Verdacht eines versuchten Tötungsdeliktes zu, so dass mit der entsprechenden Zielrichtung ermittelt wurde."

Dennoch: Die Zahl vollendeter und versuchter Delikte erschien in den Vorjahren irgendwie beruhigender. 2015 hatte die Polizei derer zehn verzeichnet, im Jahr zuvor waren es elf, 2013 nur acht und 2012 wie 2011 lediglich vier Fälle. 2010 allerdings auch wieder 7. Wohlgemerkt: darunter eben auch Altfälle und nicht vollendete, ja vielleicht gerade einmal mögliche Taten.

Zum Vergleich: In der Stadt Osnabrück - aufgrund der Größe durchaus mit Oldenburg vergleichbar - liegt der Schnitt dieser Straftaten gegen das Leben bei jährlich 13 (Im Jahr 2015 waren es fünfzehn Fälle, im Jahr 2013 nur derer zehn). 

Was dies alles für die Sicherheit der Bürger dieser Stadt bedeutet? Erst einmal nicht allzu viel. Ohne besagte Vorfälle abschwächen zu wollen:  Mord und Totschlag hat es schon immer gegeben.  Auffällig ist jedoch, dass die Gesellschaft immer aufgeregter wirkt, jeder Zwischenfall abseits der Norm in höchstem Erregungsmaße kommentiert wird - sich somit also auch um so stärker in den Köpfen der Empfänger festzusetzen vermag.

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In einem Interview mit der NWZ hatte Thomas Weber (Leiter des Zentralen Kriminaldienstes am Friedhofsweg) zur vermeintlichen Häufung von Raubüberfällen, tödlichen Schüssen und brutalen Schlägen im Jahr 2017 Stellung bezogen – sollte Oldenburg tatsächlich in einer kriminellen Abwärtsspirale stecken, wie in Sozialen Medien behauptet wird? Aus dessen Worten lässt sich dies nicht herauslesen:

„Auch wenn wir in der jüngsten Vergangenheit tatsächlich eine Häufung dieser herausragenden Ereignisse zu verzeichnen hatten, ist jedoch auch richtig, dass wir in den letzten Jahren trotz steigender Einwohnerzahlen in Oldenburg über 2000 Straftaten weniger registrieren als noch zum Beispiel im Jahr 2007“, sagt er im Gespräch. Und: „Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, objektiv eher gesunken ist.“

Weber meint damit die Gesamtheit aller Straftaten auf Oldenburger Boden – also neben schweren Delikten gegen das Leben auch „leichtere“ Kriminalität wie Betrug, Fälschung oder Fahrraddiebstahl.

Zum Vergleich: Im Jahr 2007 wurden in der Stadt 17.095 Straftaten registriert, davon 8730 (51 Prozent) aufgeklärt. Ende 2016 waren es 14.816 Taten, in 55 Prozent aller Fälle konnten die Akten erfolgreich geschlossen werden. Ja, mehr als im Vorjahr (2015: 14.598), aber eben auch im Langzeitvergleich deutlich weniger.

Warum also weicht das Sicherheitsgefühl hier so sehr von den blanken Zahlen ab? Ein Grund sei sicherlich im Internet zu finden, vermutet Weber. „Die schweren Straftaten und die damit verbundenen medialen Folgen in den sozialen Netzwerken haben natürlich einen Einfluss auf das subjektive Sicherheitsgefühl in der Stadt“, sagt Weber. „Dass solche Taten zu Diskussionen in der Öffentlichkeit und unter Umständen auch zu Ängsten führen, ist verständlich.“

Über einen Fahrraddiebstahl werde da kaum diskutiert, er bleibt nicht in der Erinnerung verankert. Die stete Konfrontation mit selteneren schweren Taten aber – beispielsweise auf Facebook
, übrigens erst seit 2008 in deutscher Version „online“ – sorgt für eine gewisse Gruppendynamik, entsprechend eine gemeinschaftliche Angst. Was nun die jüngsten Gewaltakte betrifft, so handele es sich in nahezu allen Fällen um Beziehungstaten – es gab frühere Kontakte zwischen Tätern und Opfern, also „eine Vorgeschichte zu der Tat“ – und damit um keine Gefahr für Außenstehende.

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Für so manchen Bürger dieser Stadt sind die schwerwiegendsten Vorfälle des vergangenen Jahres nicht nur bloße Zahlen. Er hat Taten und  deren Täter im Gedächtnis bewahrt. Einige dieser Fälle von (auch wahrscheinlichen) "Straftaten gegen das Leben" haben wir hier noch einmal aufgelistet.

Da war beispielsweise der 49-jährige Oldenburger, der seinen Vater bereits Heiligabend 2016 getötet hatte - dann den Leichnam aber wochenlang in seinem Kleiderschrank aufbewahrte und Nachrichten von dessen Handy verschickte. Wohl auch, um dessen Rente zu kassieren. Die Polizei kam ihm auf die Spur, das Gericht verurteilte den Sohn zu lebenslanger Haft.

Im Februar rastete ein alkoholisierter 19-jähriger Algerier in einer Asylunterkunft offenbar aus, wollte zwei anderen Männern ein Messer in Hals oder Bauch rammen. Haftbefehl wurde kurzerhand erlassen, ermittelt wurde wegen des Verdachts „versuchter Tötungsdelikte, jeweils in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“, so die Behörden seinerzeit. Die Vorwürfe hielten den Taten aber nicht Stand, wegen verminderter Schuldfähigkeit blieb es bei einer "gefährlichen Körperverletzung", nach Jugendrecht wurden Weisungen erteilt.

Im März hatte ein alkoholisierter 39-Jähriger mit einer Spaltaxt seine zwei Jahre jüngere Frau an der Nadorster Straße lautstark bedroht - vor den Augen seiner drei Kinder. Die 18-jährige Tochter rief die Polizei, die einschreiten und den aggressiven Mann nur mit Pfefferspray stoppen konnte.


Im April endete ein anscheinend schon länger schwelender Streit in der Tannenkampstraße blutig - ein 38-jähriger Mann wurde mit zwei Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Die Polizei hatte rasch zwei Deutsche (34, 23) als Tatverdächtige festgenommen. Ermittelt wurde zunächst wegen eines möglichen versuchten Tötungsdeliktes. Am Mittag gingen die Behörden indes nur noch von einer gefährlichen Körperverletzung aus.

Im Mai stach ein 22-jähriger Asylbewerber seinen 33-jährigen syrischen Landsmann in der Innenstadt unter den Augen zahlreicher Passanten nieder, tötete ihn mit mehreren Messerstichen. Er wurde im Dezember zu lebenslanger Haft verurteilt.

Im Juni verschwand die 55-jährige Polin Danuta Lysien aus Krusenbusch spurlos. Bis heute ist ihr Verbleib ungeklärt - eine Soko wurde eingerichtet, auch eine Öffentlichkeitsfahndung versucht. Alles ohne Erfolg. Ein Gewaltverbrechen wird nicht ausgeschlossen, allerdings könnten auch andere Gründe zu ihrem Verschwinden geführt haben, wie es aus internen Ermittlerkreisen heißt.

Weil er im Juli einem 26-jährigen marokkanischen Asylbewerber am Lappan unter den Augen mehrerer Passanten eine zerbrochene Glasflasche in den Hals rammte und ihn damit lebensgefährlich verletzte, steht ein Mann aus Bochum - der sich, um Asyl in Deutschland zu erhalten, anscheinend gleich 15 verschiedene Identitäten zugelegt hatte - ab Januar 2018 wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag vor Gericht. Es war die zweite schwere Bluttat in aller Öffentlichkeit innerhalb kurzer Zeit.

Und dann dies: Ebenfalls im Juli kam es zur folgenschweren Auseinandersetzung in einem Ladenlokal an der Nadorster Straße. Ein 65-jähriger Mann wurde mit drei Schüssen getötet, ein 60-jähriger kurdischer Landsmann schwer verletzt. Der 38-jährige Tatverdächtige, türkische Staatsangehörigkeit und Wohnsitz in Oldenburg, sitzt seitdem in Untersuchungshaft, der Prozess beginnt am 12. Januar.

Nicht zuletzt fahndete die Polizei im Juli öffentlich nach dem 29-jährigen Deutsch-Kurden Rezan Cakici, der seit Monatsanfang vermisst wurde.

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Auf den folgenden Seiten sind die beiden wohl schwerwiegendsten Taten des vergangenen Jahres - die unter den  Augen der Oldenburger Öffentlichkeit geschahen - verzeichnet und dokumentiert.

Der eine Prozess endete vor drei Wochen mit dem Urteil "Lebenslänglich", der andere um die tödlichen Schüsse von Nadorst beginnt an diesem Freitag.

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Es geschah am späten Mittwochnachmittag - bei Sonnenschein in der Fußgängerzone, wo so viele junge und ältere Menschen friedlich flanieren wollten.

Sie sei gerade dabei gewesen, im Drogeriemarkt an der Achternstraße zu bezahlen, als sie die Schreie von draußen hörte, zitierte NWZ-Redakteurin Sabine Schicke damals eine Augenzeugin aus Oldenburg. Auf der Straße hätte sie eine Menschenmenge und den Mann auf dem Boden im Blut liegen sehen - alle seien wie erstarrt gewesen, dann wurde nach Handys gesucht und schließlich mehrere Notrufe abgesetzt.

Auf der Polizeiwache
am Friedhofsweg geht der erste Anruf gegen 17.55 Uhr ein, in der Citywache um 17.58 Uhr. Wie die Augenzeugin eine Stunde später weiter atemlos erzählte, haben Menschen um den Verletzten gekniet und versucht, ihm etwas auf die Brust zu drücken und das Blut zu stillen. Außerdem wurde berichtet, dass ein Mann mit Messer in Richtung Lappan geflüchtet sei. Relativ schnell sei dann auch die Polizei am Tatort erschienen. „Das hat vielleicht 5 Minuten gedauert.“

Die meisten Passanten standen noch immer geschockt in der Achternstraße. „Dass so etwas hier in Oldenburg passiert, haben wir uns nicht vorstellen können“, hätten alle immer wieder gesagt.

Derweil wurde der mittlere Teil der Achternstraße komplett gesperrt. Der Rettungswagen bahnte sich seinen Weg durch die Passanten zum Tatort. Notarzt und Rettungssanitäter versuchten, den Mann vor Ort zu retten. Doch es gelang nicht, ihn zu reanimieren. Für das Opfer kam jede Hilfe zu spät.

„Nach ersten Erkenntnissen waren religiöse Konflikte Auslöser der Auseinandersetzung“, so hatte es damals geheißen. Was damals schon klar war: Bei dem Opfer handelte es sich um einen syrischen Staatsangehörigen im Alter von 33 Jahren. 

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Zäh war die Suche nach Antworten auf so viele Fragen, die sich an diese unbegreifliche Tat schlossen. Weshalb griff der 22-jährige Asylbewerber seinen Landsmann an? Wieso hatte er ein Messer dabei - und warum stach er ungeachtet all der umstehenden Zeugen mit solcher Brutalität zu?

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, Oberstaatsanwalt Thomas Sander und auch die Anwältin der Nebenklägerin (Frau des Opfers) Christiane Lohmann-Pahl ließen an den neun Verhandlungstagen nicht locker, fügten Puzzleteil um Puzzleteil zusammen - und mussten da manche Respektlosigkeit aus den hinteren, aber auch vorderen Bänken ertragen.

Am Ende gab es ein deutliches Urteil gegen den jungen Syrer. Hatte die Staatsanwaltschaft im Plädoyer noch eine 13-jährige Haftstrafe wegen des vollendeten Totschlags gefordert - dabei auch die  "Geständigkeit des nicht einschlägig vorbestraften Angeklagten im Wesentlichen" vermerkt -, schöpfte Bührmann die ganze Härte wie Bandbreite der Paragraphenmöglichkeiten aus und verkündete die lebenslange Haftstrafe.

Laut Strafgesetzbuch heißt's unter dem Abschnitt „Straftaten gegen das Leben: §211 Mord: (1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. (2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.
Und in §212 Totschlag, der schließlich herangezogen wurde: (1) Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. (2) In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen."   

Weshalb hier auf einen besonders schweren Fall verwiesen wurde, klärte sich am letzten Verhandlungstag und nicht minder in der  Urteilsbegründung:

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Die muslimischen Regeln seien im Gegensatz zur Anfangsvermutung nicht Ursache der Tötung, wurde wiederholt ausgeführt - und hinreichend begründet. Was die schreckliche Tat natürlich in keinster Weise mildert. Das betonte auch Oberstaatsanwalt Thomas Sander in seinem Plädoyer: "Es war eine grobe, sinnlose Tat von großer Gewalt - wegen eines nichtigen Anlasses."

Denn: Weil es vor der tödlichen Attacke zu mehreren, an verschiedenen Stellen der Innenstadt ausgetragenen Auseinandersetzungen kam, in denen der 22-Jährige seinem späteren Opfer stets unterlag, war diese Tat offenbar jener erlittenen Schmach geschuldet. Doch der Reihe nach.

Am Nachmittag des Tattages, dem 31. Mai 2017, hatte der Angeklagte zunächst am Lappan einen Streit mit einem Gleichaltrigen wegen des Rauchens während des Fastenmonats Ramadan entfacht. Das spätere Opfer stieß hinzu, wollte schlichten - geriet dann aber selbst mit dem Angeklagten in Konflikt. Es wurde tat- und schlagkräftig ums Recht diskutiert, der 22-Jährige zog den Kürzeren, ging zu Boden. Das Shirt des 33-Jährigen zerriss. Die beiden wurden schließlich getrennt,  das spätere Opfer hielt die Sache für bereinigt und ging weiter stadteinwärts.

Offenbar „gärte“ es da schon sehr im 22-Jährigen, wie es von Seiten der Staatsanwaltschaft hieß. Der junge Mann folgte dem 33-Jährigen und traf in der Achternstraße erneut auf ihn, wollte die angeblichen Beleidigungen und die Schläge noch einmal „unter Männern“ geklärt wissen. Weil sein Gegenüber aber kein Interesse an einem weiteren körperlichen Konflikt zeigte, er vielmehr sein bei der ersten Auseinandersetzung zerrissenes Shirt ersetzen wollte, zog sich der junge Mann plötzlich seines über den Kopf und hielt es ihm zur schnelleren Klärung entgegen.

Darauf schlug der 33-Jährige ihm unvermittelt mit der Faust ins Gesicht – offenbar, um seine Ruhe zu haben und den Konflikt endgültig abzuschließen, so  Richter Sebastian Bührmann. Der Angeklagte ging erneut zu Boden, sein Kontrahent wieder fort.

Dass dies aber offenbar nur noch mehr an der Ehre des Täters rüttelte, wusste das Gericht hinreichend zu begründen. Und so zückte der junge Mann also - nach einer kurzen Bedenkpause und der vermeintlichen "Abkühlung" - sein Klappmesser, hielt dies versteckt unterm Handgelenk und rannte dem Opfer hinterher.

Als dieses sich umdrehte – offenbar durch einen Ruf gewarnt –, setzte der 22-Jährige sein Messer ein. Mit größtmöglicher Brutalität und voller Aggression folgte ein tiefer Schnitt quer durch das Gesicht, dann ein tödlicher Stich ins Herz, schließlich noch ein wahrscheinlich ebenso lebensgefährlicher in die Seite. Eigentlich habe er mit dem Messer nur drohen wollen, sollte es im Verlauf des Prozesses heißen. Dann aber hätte er Angst vor dem 33-Jährigen bekommen.

Dass eben dieser der aggressive Part gewesen sein soll, wie er sagte, „ist die Wahrheit des Angeklagten“, so die Staatsanwaltschaft. Zeugen hätten übereinstimmend gesagt, dass das spätere Opfer vielmehr entspannt gewesen sei, ja höchstens genervt wirkte. „Nur einer wollte den Konflikt, und das waren Sie“, hieß es im Plädoyer Sanders.

Der 33-Jährige verstarb noch vor Ort, der Täter indes konnte kurzzeitig fliehen – mit dem Bus bis nach Eversten. Dann wurde er gestellt.

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Lebenslänglich hinter Gittern: Nahezu regungslos nahm der 22-Jährige das Urteil auf. Vielleicht weil der syrische Asylbewerber nicht jedes Wort des Vorsitzenden Richters Bührmann verstanden hatte, vielleicht aber auch, weil er sich der Beweislast durchaus bewusst war. Über seinen Dolmetscher hatte er kurz zuvor noch ausrichten lassen: „Ich entschuldige mich für das, was ich getan habe. Ich kann es nicht rückgängig machen und bereue es zutiefst.“

Diese Einsicht kam viel zu spät. Zwar konnte das Gericht kein Mord-Merkmal - niedrige Beweggründe oder Heimtücke - zweifelsfrei belegen, fasste diese Tat dann aber dennoch als besonders schweren Fall von Totschlag auf, der eben wie ein Mord zu bewerten sei.

Bührmann verglich die Tat mit einer öffentlichen Hinrichtung, „ganz nah am Mord“.
 
Die trauernde Nebenklägerin – Frau des Opfers und Mutter dreier Kinder, von denen das jüngste seinen Vater nicht mehr kennengelernt hat – schwieg während der Verhandlung, stattdessen sprach ihre Anwältin. „Der Angeklagte wollte beweisen, dass er der Stärkere ist“, sagte sie.

Nicht nur die Augenzeugen der Tat standen unter Schock. Dieses Ereignis, aber auch jene, die sich noch in kurzer Folge anschließen  sollten, sorgen kurzzeitig für eine gefühlte Handlungsunfähigkeit, den temporären Verlust des Sicherheitsgefühls.

Diese „Massenverängstigung“, so Bührmann, war dann bei der Findung des geeigneten Strafmaßes zwar nicht ausschlaggebend, aber sicherlich ein Aspekt.

„Der 31. Mai ist ein trauriger Tag für das Opfer und dessen Familie und er ist ein schwarzer Tag für Oldenburg“, sagte er. Der Angeklagte habe das Opfer auf offener Straße zur belebten Zeit vor den Augen vieler junger Menschen bewusst und gewollt umgebracht. „Und wofür? Für nichts“, so der Vorsitzende.

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„Mord und Totschlag unterscheidet sich martialisch von anderen  Todesursachen: er ist nicht vorhersehbar, er ist nicht behandelbar, er ist vor allem für jeden Menschen undenkbar. Für alle Menschen ist Mord etwas, was in Fernsehkrimis oder Kriminalromanen stattfindet. Er gehört aber nicht in das eigene Leben!“ 

Das sagt 
Daniela Hirt, traumazentrierte Fachberaterin. Mehr noch: „Durch diese Taten ist den Menschen möglicherweise bewusster geworden, dass auch unsere Stadt nicht frei von Kriminalität ist und es auch hier multiple Problemlagen gibt, die Aggressionen, Ängste und Gewalt zur Folge haben." 

Ob diese öffentlichen Taten vielleicht für einen Wahrnehmungswandel in der Oldenburger Stadtgesellschaft gesorgt haben?
Daniela Hirt sagt: "Ich glaube nicht, dass eine der Taten eine Massenverängstigung ausgelöst hat. In der Regel flaut solch ein Schrecken relativ schnell ab bei den Personen, die nicht zu den Tatzeuginnen und Tatzeugen oder zu den Familien des Opfers oder des Täters gehören. Nach 1 bis 3 Tagen ,Stadtgespräch' setzt sich die jeweilige Persönlichkeit eines Menschen mit seinen Prägungen durch. Die einen sagen sich: ,Gott sei Dank, es hat nicht mich getroffen und nun denke ich da nicht weiter drüber nach' - andere denken hingegen: „Oh Gott, wie schlimm ist das denn, jetzt kann ich auch jederzeit getötet oder verletzt werden …“ So findet jeder schließlich den eigenen Umgang damit im persönlichen Bereich. Die, die eher zu der 2. Kategorie gehören sind unter Umständen länger offen verängstigt und sollten wie könnten die Möglichkeit nutzen, sich Unterstützung zu holen. Weil Menschen so unterschiedlich sind, kann man nicht von einem Massenphänomen reden."

Das Festsetzen solcher belastenden Bilder ist eine neurologische Angelegenheit, erläutert Hirt auf NWZ-Nachfrage. Ob sich ein Erlebnis zu einem Trauma entwickelt und sich Ängste wie das Trauma möglicherweise chronifizieren, sei "eine sehr komplexe Angelegenheit". Schwersttraumatisierte Menschen schließen die Augen und haben Bilder vor Augen. Sie erleben keinerlei Selbstregulation. Diese könne allerdings durch Psychotherapie/Traumatherapie, Achtsamkeits-,  Imaginations- oder Atemübungen wiedererlangt werden, heißt es da.

Ganz wichtig erscheint überdies - sofern möglich -, die nüchterne Auseinandersetzung mit dem, was war, und dem, was ist.

"Interessant ist doch auch, was eine Stadt an Gesundheits- und Kriminalprävention betreibt, damit sich ein Schrecken nicht weiter ausbreiten kann. Hier leisten die Polizei, der Präventionsrat, freie Träger, Verbände und Vereine in Oldenburg gute Arbeit", sagt sie.

Trotz aller Bemühungen der Gesellschaft sind solch schwere Verbrechen wie eben die tödlichen Schüsse an der Nadorster Straße nicht immer vollends zu verhindern.




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Das Landgericht hat in der Terminübersicht für den anstehenden Prozess eine grobe Zusammenfassung der Ereignisse und Vorwürfe geliefert. Dort heißt es:

"Am 27. Juli 2017 soll es abends in den Geschäftsräumen einer Firma in Oldenburg-Nadorst zu Streitigkeiten zwischen dem Angeklagten und zwei weiteren Personen gekommen sein, weshalb der Angeklagte versucht haben soll, die Polizei zu verständigen. Er soll dann jedoch eine Schusswaffe gezogen und die eine Person mit mehreren Schüssen getötet haben. Als er dann versucht haben soll, auf die zweite Person zu schießen, um diese ebenfalls zu töten, soll das Magazin bereits leer gewesen sein. Deshalb soll er nun auf diesen mit der Pistole derart eingeschlagen haben, dass dieser operiert werden musste. Dem Angeklagten werden unter anderem ein vollendeter und ein versuchter Totschlag zur Last gelegt."

Gefährliche Körperverletzung und Verstoß gegen das Waffengesetz werden überdies vor der Schwurgerichtskammer zur Sprache kommen. 
 
Der 38-Jährige habe sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zumindest dahingehend eingelassen, dass er "angegriffen worden sei und sich durch Schüsse und Schläge zur Wehr gesetzt" habe - so heißt es von den Behörden.

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Es ist kurz nach 18 Uhr, als die Schüsse fallen: In einem Firmengebäude an der Nadorster Straße hat offenbar ein 38-Jähriger aus noch ungeklärten Gründen das Feuer auf zwei weitere Männer mit einer Pistole des Modells Walther P22 eröffnet. Schnell wird klar: Hier ist Schreckliches geschehen. Ein Zeuge setzt um 18.10 Uhr einen Notruf ab.

Im benachbarten Asia-Restaurant bleiben die Kunden dennoch sitzen - sehen zu, wie sich die Straße kurz darauf mit allerlei Polizeifahrzeugen und teils schwer bewaffneten Beamten füllt. Der vermeintliche Täter - ein 38-jähriger Oldenburger mit türkischer Staatsangehörigkeit und offenbar auch Beteiligter des Trockenbau-Unternehmens - wird noch vor Ort gestellt und zur Untersuchungshaft in die Justizvollzugsanstalt abgeführt.

Krankenwagen stehen am Straßenrand, Rettungskräfte und Notärzte rennen hin und her. Rot-weiße Absperrbänder werden ausgerollt, Polizeihunde erst mit aufgesetztem, dann mit geöffnetem Maulkorb abgestellt. Der Bürgersteig ist nicht mehr passierbar, trotzdem drängen sich Schaulustige hindurch, lassen sich kaum aufhalten. Die Straße indes bleibt frei. Immer und immer wieder kommen die immer gleichen Gesichter, teils  polizeilich bekannt, aufgeregt am Ladenlokal vorbei um Einblicke und Informationen zu erhaschen. 

Für einen 65-Jährigen im Inneren des Geschäfts kommt jede Hilfe zu spät. Die Wiederbelebungsversuche der Notärzte bleiben ohne Erfolg, regungslos liegt der Körper des Kurden inmitten des Lokals, umgeben von Decken und medizinischem Material.  

Das andere Opfer, ein 60-jähriger Mann, lebt - ist aber schwer verletzt. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert, muss anscheinend notoperiert werden. Lebensgefahr habe nicht bestanden, zumindest nicht aufgrund der zugefügten Verletzungen. Aus Sorge vor möglichen weiteren Übergriffen sichert die Polizei aber Krankenhaus und Behandlungszimmer bis tief in die Nacht ab.


Während die Ermittler an der Nadorster Straße hinter den nunmehr mit blauem Sichtschutz verhangenen Scheiben des Ladenlokals alle Spuren sichern, müssen vor dem Gebäude mehrere Menschen – darunter anscheinend Bekannte und Verwandte der Opfer – beruhigt werden. Laute Verzweiflungsschreie und aggressive Beleidigungen wechseln sich ab.

Die Spurensicherung dauert bis weit nach Mitternacht an. Profis in weißen Ganzkörperanzügen überprüfen jeden Zentimeter des Gebäudes. In der Nacht werden zwei Fahrzeuge, die vor dem Gebäude platziert waren, sichergestellt.

Die Ermittler sprechen relativ frühzeitig von „geschäftlichen Streitigkeiten“, die zum Unglück geführt haben sollen - ohne jedoch zu diesem Zeitpunkt schon auf Details und etwaige Personalia einzugehen.

Das Unternehmen an der Nadorster Straße 14 wird am Tattag unter dem Namen „M.A. Cakici Trockenbau GmbH“ im Handelsregister geführt, wurde am 22. Oktober 2015 von Geschäftsführer Muhammet Ali Cakici – einem Mitglied der Rockergruppe Hells Angels aus Westerstede – im Register eingetragen, firmierte zuvor unter „Cakici Trockenbau Nord West GmbH“. Mittlerweile, im Januar 2018, existieren Einträge und Unternehmen nicht mehr. 

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Der Prozessauftakt zu den tödlichen Schüssen Ende Juli 2017 erfolgt am Freitag, 12. Januar 2018, vor dem Oldenburger Landgericht. Dies wird unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen geschehen, wie die beteiligten Behörden gemeinsam im Vorfeld entschieden haben.

Zehn
Verhandlungstage sind für den Prozess vorerst angesetzt. Und mindestens der erste wird ähnlich der Verhandlungen Ende 2017 um den Messerstecher in der Oldenburger Innenstadt von mehr Sicherheitskräften als üblich begleitet werden, auch Einlasskontrollen stehen wieder an.

Offenbar wollen die Behörden potenziellen Unruhestiftern gleich entsprechende Signale geben, dass diese Verhandlung kein Beteiligungsprozess sein wird.

Richter Sebastian Bührmann
machte dies zuletzt im öffentlichkeitswirksamen Verfahren Ende Dezember mit aller Vehemenz deutlich: „Wir haben mehrfach Wortbeiträge von Verfahrensbeteiligten und Zuhörern erlebt - es ist gut, dass die Öffentlichkeit an einem Prozess teilnehmen und sehen kann, wie hier versucht wird, zu einem gerechten Urteil zu kommen,  aber diese Freiheitsrechte können auch missbraucht werden.“

Es sei wichtig und an der Zeit, klarzustellen, dass „dies keine Einladung“ zu Respektlosigkeiten sei, sondern „ein hohes Gut, das wir einhalten.“ Denn gerade jene Einwürfe und lautstarken Reaktionen vor Gericht hätten in vorangegangenen Verhandlungen immer wieder für massive Störungen gesorgt. Dies sei nicht mehr zu tolerieren.

Noch ist unklar, wie viele Zuhörer den Prozess an der Elisabethstraße direkt verfolgen werden. Sicher aber ist, dass das Interesse der Öffentlichkeit an Verlauf, Personalia und Hintergründen groß ist.

Die einzelnen Termine (jeweils um 9 Uhr):
* 12.01.2018
* 25.01., 26.01., 16.02., 20.02., 23.02., 27.02., 02.03., 08.03. und 09.03.2018.


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Eine Untersuchungshaft wird vom Richter angeordnet - und dient der "Verfahrenssicherung", wie es heißt. Sprich: Damit die Ermittlungen nach einer Straftat nicht negativ beeinflusst werden (sei es aufgrund einer Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunkelungsgefahr), wird der dringend Tatverdächtige festgenommen und vorerst in der JVA untergebracht.

In Oldenburg - hier wird nun also auch der 38-jährige Beschuldigte geführt - handelt es sich dabei um eine Anstalt der höchsten Sicherheitsstufe. Rund 120 Untersuchungsgefangene sind hier aktuell Anfang Januar untergebracht, darüber hinaus noch etwa 150 Strafgefangene. Hinzu kommen weitere Abteilungen wie Transport, psychiatrische und eine spezielle Sicherheitsstation für besonders gefährliche Straftäter.

Bis zu maximal 21 U-Häftlinge leben auf je einer gesonderten Station. Sie werden morgens um 6 Uhr geweckt. Abhängig von der jeweiligen richterlichen Genehmigung, können sie in hausinternen Betrieben arbeiten, an sogenannten "Freizeitmaßnahmen" oder auch religiösen Veranstaltungen teilnehmen.

Nicht arbeitende Gefangene werden ab 16 Uhr wieder in ihren Zellen eingeschlossen. Bei Arbeitern (ihre Schichten gehen von 6.45 bis 15.45 Uhr) fällt die Tür spätestens um 20 Uhr ins Schloss. U- wie Strafgefangene können hier in der JVA Besuch empfangen - höchstens eine Stunde lang (maximal 5 Stunden im Monat).

Den Einzelhaftraum, etwa 10 Quadratmeter groß, können sie sich selbst gestalten. Wenn sie Geld zur Verfügung haben, können sie auch einen Fernseher kaufen und dort aufstellen. Dieser wird allerdings intensivst auf verbotene Gegenstände kontrolliert und schließlich verplombt.

Gefangene, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, können an Deutsch- und Integrationskursen teilnehmen.
Sport sei ein wichtiges Thema in der JVA, er sei förderlich für die Psyche der Inhaftierten, so heißt es an der Cloppenburger Straße. Allerdings gibt es hier nur Gruppensportangebote. "Kraftsport im Gefängnis lehnen wir ab", sagt Anstaltsleiter Gerd Koop auf NWZ-Nachfrage. Sozialarbeiter und Psychologen sind für die Gefangenen erreichbar, sie können an allen Betreuungsmaßnahmen der JVA teilnehmen.   

Besagte "Vorzüge" gelten allerdings nur, wenn sich die Gefangenen an die strengen hiesigen Regeln halten. "Wir sind konsequent und liberal", so Koop - "aber diese Konsequenz wird auch von uns eingefordert, sonst gibt es keine Liberalität."

Mit Stand 3. Januar sind insgesamt 314 Haftplätze in der Hauptanstalt der JVA Oldenburg belegt - plus Sicherheitsstation. Der Ausländeranteil der Inhaftierten schwankt, liegt derzeit bei erhöhten 36 Prozent. Die meisten sind im  geschlossenen Vollzug untergebracht und stammen aktuell aus 38 unterschiedlichen Ländern. Dies sind in der Hauptsache osteuropäische und nordafrikanische Gefangene. Die meisten von ihnen kommen aus Polen (aktuell 20).

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Dass der Name des Unternehmens, in dem die Schüsse fielen, (und auch mehrerer Beteiligter) für die weiteren Ermittlungen durchaus von Bedeutung sein könnte, wurde sehr schnell klar. Gut möglich, ja vielmehr sehr wahrscheinlich ist damit, dass in bedeutsamen Abschnitten der anstehenden Gerichtsverhandlung auch der Name "Rezan Cakici" fällt.

Denn der 29-jährige Deutsch-Kurde - geboren in Westerstede und lebend zuletzt in Oldenburg gesehen - ist seit dem 3. Juli 2017 spurlos verschwunden.

24 Tage vor den tödlichen Schüssen in der Nadorster Straße, wo keine 100 Meter weiter Rezan Cakici bis dato auch Teilhaber einer Shisha-Bar war.

Was einen Zusammenhang der beiden Fälle so wahrscheinlich macht - auch wenn die Behörden diesbezüglich noch mauern -, sind die familiären Bande: Der nach wie vor vermisste junge Mann ist Neffe des getöteten 65-Jährigen und Sohn des seinerzeit schwer verletzten weiteren Opfers.

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Abdullah Rezan Cakici: 29 Jahre alt, Deutsch-Kurde mit Wohnsitz in Bremen. 1,90 Meter groß, von stattlichem, muskulösem Format. Vollbart, mehrere Tätowierungen. Und seit dem 3. Juli 2017 verschwunden. Einfach so.

Auf der Suche nach diesem Mann - der bis zu seinem Verschwinden der Polizei in Oldenburg zwar als bekannt, aber nicht auffällig galt, in seiner Vergangenheit und in Bremen wie Bielefeld indes durchaus gehäuft in fragwürdigem Kontakt mit den Behörden stand - ergibt sich nur ein diffuses Bild. "Er hat die Staatsanwaltschaft eine Zeitlang intensiv beschäftigt und arbeiten lassen", heißt es aus  entsprechenden Stellen gleich mehrerer Bundesländer. Und es sollte das Verschwinden Rezans aus der öffentlichen Obhut nicht verhindern können. 

Mehrere gerichtliche Verfahren wegen unterschiedlichster Delikte habe es gegen den früheren Chef der Bielefelder "Hells Angels Nomads Turkey"  gegeben - so weit sollen es nicht all seine mutmaßlichen Straftaten gebracht haben, munkelt man dort. 


Offensichtlich kriminell auf der einen Seite, stolz und menschlich auf der anderen. Die Zahl seiner Freunde ist immens. Die Zahl seiner Kontrahenten nicht viel weniger. Ehemaliger Hells Angel und Familienvater, gleichsam Sohn, Bruder und Geschäftspartner - wie auch immer dies in den einschlägigen Kreisen definiert werden mag.

Geboren 1988 in Westerstede (Ammerland), die Eltern kurdische Bürgerkriegsflüchtlinge. Seit dem Jahr 2015 tritt Rezan sporadisch in Oldenburg in Erscheinung, meldet hier seinen Wohnsitz nach NWZ-Informationen immer mal wieder an und auch wieder ab.  Auch sei er zum Christentum konvertiert.

Kurz nachdem der oben erwähnte 33-Jährige in der Oldenburger Innenstadt erstochen wurde, hatte Rezan Cakici einen flammenden Appell auf Facebook, versehen mit Fotos des Opfers, veröffentlicht. Noch im Glauben, dass es sich um eine religiös motivierte Tötung handle, schrieb er unter anderem: "
Verstehe diese Leute nicht was juckt euch das wer fastet und wer nicht fastet und nicht jeder Schwarzkopf ist gleich ein Moslem. Schämt euch ! Fakt ist er wurde attackiert und getötet weil er am rauchen oder essen war und es hat den arabern aus Syrien nicht gefallen. Es ist egal welche Religion er angehörte er wurde von radikalen eingestellten abschaum getötet. Es hätte auch ein deutscher Italiener oder Pakistaner sein können und daran hätte sich nichts geändert. Das Motiv ist und bleibt das selbe und egal wer stirbt es stirbt grundsätzlich erstmal ein Mensch alles andere wie Herkunft und Religion kommen danach..." Dann ruft er zu Spenden auf.

Aus seiner Familientradition, seiner Herkunft und der Bedeutung von "Ehre" hat er nie einen Hehl gemacht. "Ich bin stolz ein Kurde zu sein und ich verteidige mein Land, wenn es sein muss", erklärte er im Sommer 2014 öffentlich in einem Video auf Youtube, "lieber ein stolzer Kurde als ein ehrenloser Kurde." Zwei Jahre später postet er bei Facebook, das, was sich auch schon in vielen Selbstdarstellungen zuvor anmutet: "Genau so wie ich ein Kurde bin, bin ich auch ein Deutscher! Deutschland ist mein Zuhause."
 
Rezan Cakici veröffentlicht auf seinen Facebook-Profilen unter anderem Bilder mit seiner großen tatsächlichen und auch nominellen Familie, zeigt die Deutschlandflagge, schimpft auf den IS, wünscht "Frieden für jeden Menschen auf dieser Erde, egal welche Nationalität, egal welche Religion, egal welche Hautfarbe", erklärt: "Rassismus hat viele Gesichter, aber alle sind hässlich", und sagt: "Die gesamte Menschheit sind Geschwister, warum nicht auch Türken und Kurden? Wir sind alle aus Fleisch und Blut, wir sind alles Gottes Geschöpfe".

Einige davon würde er allerdings auch bis aufs Blut verteidigen, wenn es gegen seine Ehre oder seine Familie geht - so lässt er seine Gegner wissen und zeigt dabei seine aggressive, brutale Seite. "Wer ein Mann ist, soll kommen. Ich kann auch zeigen, ob ich ohne Kutte ein Mann bin! Wer von Euch meint, meine Familie oder mich zu bedrohen, wer sich meiner Haustür nähert, wird genau sehen, was er davon hat. Ich kämpfe bis zum letzten Tropfen. Sollte einer kommen - ich werde auf jeden Fall ein paar von Euch mitnehmen."

Und dann wäre da auch noch eine ZDF-Dokumentation, in der Rezan über sich und die Bedeutung der Familie gesprochen hatte: "In Situationen, wo ich sehr emotional und aggressiv war, in der Nacht noch los gefahren und ganz böse Dinge passiert wären, Mord und Totschlag (...)" habe ein so genannter Onkel ihn davon noch abgehalten.

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Zur Einordnung des mysteriösen Vermisstenfalls und um auch eine mögliche Verbindung zu den tödlichen Schüssen näher zu beleuchten, bietet sich folgende Chronik der Ereignisse an.

2013
Rezan Cakici
ist in Bremen Gründungsmitglied des später verbotenen Rockerclubs „Mongols“, soll dann zu den „Hells Angels Westside“ gewechselt sein. Einige von ihnen wandern nach Bielefeld zu den "Hells Angels Nomads Turkey" ab, Cakici übernimmt dort die Führung, so die Bielefelder Ermittler.
Offenbar dreht sich wie in Bremen auch in Nordrhein-Westfalen vieles um Gebietsansprüche in der Szene und zugehörige fragwürdige „Geschäfte“. Dort ist von Drogendelikten im großen Stil die Rede, von Rotlicht, von Gewalt. Und so ist es auch auf den einschlägigen Rocker-Internetseiten nachzulesen.


11. August 2014
Rezan Cakici wird für „vogelfrei“ erklärt – die Nomads Turkey Bielefeld, denen er bis dato vorgestanden hatte, lassen ihn angeblich wegen seiner Herkunft und seines politischen Ansinnens fallen. „Ich bin stolz ein Kurde zu sein und ich verteidige mein Land, wenn es sein muss“, gibt er damals in einem Youtube-Video zu Protokoll, und: „Meine Familie ist zehnmal so groß wie die Hells Angels Türkei!“

Das Video ist 4:01 Minuten lang – und als offene Konfrontation an die Nomads gerichtet, die Kurdistan „nicht anerkennen“ wollen und „Faschisten“ seien, so Cakici: „Wer von Euch meint, meine Familie oder mich zu bedrohen, der wird sehen, was er davon hat. Ich kämpfe bis zum letzten Tropfen.“

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2014
Rund eine Million Mal wurde jenes Video aufgerufen - inklusive ist da die Zahl der Sichtungen aller Kopien, die angefertigt und im Netz geteilt wurden. "Rezo Ha macht Ansage gegen die Hells Angels", lautet der Titel des Videos und wurde sicherlich nicht zufällig unter diesem Namen ins Internet gestellt. Die Provokationen sollten ihre Empfänger erreichen. Mit zweifelhaftem Erfolg.

Wenige Tage später entschuldigt er sich ebenso öffentlich. Es hätte ein Gespräch mit dem Club gegeben, das „keine Fragen“ offenlasse. Er selbst habe wohl „überreagiert“.

In einem weiteren angeblichen Interview mit dem Internetportal "Südafrika - Land der Kontraste" soll Rezan gesagt haben: "Ich hätte den Rauswurf verhindern können, weil es mit mir schon vorher mehrere Gespräche gab. Ich konnte vieles nicht verstehen und wollte es auch nicht verstehen. Ich war einfach zu stolz. Und wie ich es immer wieder betone, verzichte ich lieber drauf ein Hells Angel zu sein, als meine Ideale über Bord zu werfen. Für nichts auf der Welt würde ich meine Herkunft, meinen Stolz und mein Land verraten. Ich bin stolz drauf und wenn es ein nächstes Leben geben würde, dann bitte ich den lieben Gott wieder als Kurde auf die Welt kommen zu dürfen."

Außerdem: "Für mich hat sich das Thema Hells Angels ein für alle Mal erledigt."
Und nicht zuletzt hat besagte Internetseite folgende Sätze aus dem Protokoll veröffentlicht: "Es wird niemand bedroht, weder meine Familie noch ich. Und wenn es tatsächlich so wäre, dann würde ich es trotzdem nicht den Medien erzählen und erst recht nicht damit zur Polizei gehen!"

Wenige Tage nach diesem Interview im September 2014 will das Magazin erfahren haben, dass der Vogelfrei-Status keineswegs aufgehoben worden sein - stattdessen entsprechende Trupps Jagd auf Rezan machten.

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Währenddessen und in der Folge wird auch in Oldenburg immer wieder öffentlich über einen etwaigen Rockerkrieg spekuliert. Zu Reibereien zwischen Hells Angels, Gremium MC und Bandidos (unter anderem) sei es aber nie gekommen – so heißt es aus der Szene.
Dass da möglicherweise „Felder abgesteckt“ würden, so wie in Bielefeld, sei nicht der Fall gewesen. Vielmehr hätte „gegenseitige Akzeptanz“ geherrscht, so der frühere Bandidos-Boss überraschend - vor Auflösung des Chapters Ende 2016.

Indes: Bereits ein Jahr zuvor wurden Schüsse auf das Clubhaus an der Alexanderstraße abgegeben. Täter? Offiziell unbekannt.

Hintergründe? Offiziell unbekannt. Und dennoch gibt es Vermutungen, in denen auch der Name Rezans fällt.

Die Polizei wolle "mit allen Mitteln verhindern", dass verschiedene Rocker-Gruppierungen um die Vorherrschaft in der Stadt kämpfen beziehungsweise sich eine entsprechende Rockerszene hier "verfestigt", wie es im Jahr 2014 nach NWZ-Recherchen heißt.

Dass es entsprechende Gruppen nach Oldenburg zieht, könnte damit zusammenhängen, dass „Oldenburg eine Knotenfunktion für Drogentransporte von den Niederlanden nach Skandinavien beziehungsweise ins Ruhrgebiet hat“, so Polizeichef Eckhard Wache über die Organisierte Kriminalität.

Dabei ist die Lage in direkter Nachbarschaft bereits explosiv. In Bremen beispielsweise sind die verschiedenen Rockergruppen wenig gut aufeinander zu sprechen. Immer wieder muss die Polizei wegen Vorfällen in den klassischen Feldern der organisierten Kriminalität eingreifen.

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20. November 2016
Die Shisha-Bar „Smokingzz“ an der Nadorster Straße, in die Cakici geschäftlich involviert ist, wird eröffnet. Nach NWZ-Informationen ist Rezan hier Teilhaber.

29. Juni 2017
Auf Facebook postet er ein Foto von sich, schreibt: „Erzähl den Leuten nur das, was du die wissen lassen möchtes.“ Es wird der bis dato letzte öffentliche Eintrag sein. Einer, der noch Monate später von zahlreichen Menschen "geliked" und kommentiert wird. Die meisten werden hier allerdings ihre Anteilnahme aussprechen,  auf eine gesunde Rückkehr des jungen Mannes hoffend. Es gibt allerdings auch andere Stimmen, die sich in Verschwörungstheorien ausleben  und nur wenig Feingefühl offenbaren. Weshalb? Nun:

3. Juli 2017

An diesem Montagabend wird Rezan Cakici letztmalig lebend gesehen – in der Shisha-Bar „Smokingzz“ an der Nadorster Straße. Laut seines Cousins habe der 29-Jährige „all seine Sachen in der Bar stehen lassen und ist durch den Hinterausgang raus“. Ohne Handy, ohne Schlüssel, ohne Tasche, ohne Geld – auch ohne seinen Sportwagen. Zwei Stunden später wollte er wieder zurückkommen, sagte sein Geschäftspartner – was aber nicht passierte.

Rund 14 Tage später
Der Vater von Rezan, Necat Cakici, meldet ihn als vermisst. Der 29-Jährige soll durchaus häufiger ganz plötzlich außer Landes gewesen sein – sich dann aber immer bei seiner so wichtigen Bezugsperson und seinem Vorbild abgemeldet haben. Diesmal nicht.
Die Polizei bildet die Soko „Kings“ – darin ist neben der Polizeiinspektion Delmenhorst auch die Zentrale Kriminalinspektion eingebunden. Letztere kommt vor allem bei organisierter Kriminalität zum Zuge. Trotzdem werde – zumindest offiziell – kein Zusammenhang mit der Rockerszene gesehen. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg beantragt eine öffentliche Fahndung.

28. Juli 2017
Nach den tödlichen Schüssen im Nadorster Trockenbau-Unternehmen wird die Soko "Kings" aufgrund der wahrscheinlichen Zusammenhänge von Vermisstenfall und Tötungsdelikt erweitert. Ermittelt werde nun "in alle Richtungen", wie es heißt.

Der Aufenthaltsort Rezan Cakicis bleibt indes weiterhin ungeklärt. Ein Verbrechen werde zwar nicht ausgeschlossen, tatsächlich könnte der 29-jährige Deutsch-Kurde aber auch ganz bewusst abgetaucht sein, wie es heißt.

Derweil überschlagen sich die Gerüchte zum Verbleib Cakicis in Internet-Foren - auf Facebook, Youtube und an anderen Stellen. Die einen wähnen ihn versteckt in der Türkei, andere gehen von einer Entführung aus. Auch über Mord wird spekuliert. Immer wieder Thema sind dabei dubiose Aktivitäten im Drogenmilieu.

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17. August 2017
Bereits zum zweiten Mal binnen vier Wochen wird ein Waldstück in Charlottendorf-Ost, einem Ortsteil der Gemeinde Wardenburg, durchsucht. Dort sollte „etwas im Waldboden vergraben“ sein, das mit dem Verschwinden Cakicis in Zusammenhang gebracht werden könne, hatte es bereits beim ersten Tipp durch einen Hinweisgeber geheißen.

Schon damals wurde die Polizei zwar fündig – allerdings habe sich unter diesen Stücken nichts gefunden, was einen strafrechtlichen Hintergrund, geschweige denn weitere Hinweise auf Cakici hätte konkretisieren können, so ließ man offiziell verlauten. Mit Leichenspürhunden, Kriminaltechnikern und Mitwirkenden der Soko „Kings“, aber auch rund zwei Dutzend Beamten der Bereitschaftspolizei,
waren die Ermittler vor Ort. Sie blieben ohne Sucherfolg.

18. August 2017
Einen konkreten Ermittlungsansatz gibt es offenbar nach wie vor nicht – sehr wohl aber eine Vielzahl verschiedener Puzzleteile, die von den Ermittlern irgendwie sinnvoll zusammengelegt werden müssen. Die Polizei ist auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Potenzielle Tippgeber aber, die gut über die Lebensumstände, Geschäftstätigkeiten und Feinde Cakicis informiert sein könnten, dürften sich womöglich aufgrund einer Milieu-Zugehörigkeit oder entsprechender Familienbande mit einer Aussage zurückhalten. Dass sie sich der Polizei gegenüber kooperativ verhalten, scheint kaum denkbar – obgleich ein etwaiger Austausch ganz sicher etwas Ruhe in die öffentlich aufgeregte und in Sozialen Medien umfänglich kommentierte Großfahndung bringen könnte.

Personen aus dem direkten Umfeld des vermissten 29-Jährigen sollen sich derzeit im Ausland aufhalten – sie könnten wichtige und wie auch immer zu definierende Zeugen sein, mindestens aber für etwas Aufklärung ob des möglichen Verbleibs Cakicis sorgen. Einer von ihnen war kurz nach dem Verschwinden Rezans in die Türkei gen Istanbul geflogen. Auf Facebook schreibt er: "Harte Zeiten bleiben nicht ewig...!"


September 2017
Nach wie vor kreisen die Ermittlungen im Vermisstenfall Cakici zwischen den Optionen Mord und (selbst erwähltes oder unfreiwilliges) Versteck. Die Soko-Leitung hat zwischenzeitlich gewechselt, mittlerweile wird nicht mehr im großen Ganzen recherchiert, sondern in der Feinarbeit. Spuren werden aufgearbeitet, technische Details geklärt. In Sachen Schießerei an der Nadorster Straße hat die Polizei indes ihre Ermittlungen abgeschlossen, den Fall an die Staatsanwaltschaft übergeben.

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Steht die Explosion einer Handgranate in Bremen-Vahr in  Verbindung zu Rezan Cakici? Es gibt durchaus einige - auch Bekannte des Vermissten -, die genau dies felsenfest behaupten, als die Bremer Polizei offiziell noch von einem "möglichen Zusammenhang" ausgeht.  

Am 7. November geht gegen 1.30 Uhr unter einem schwarzen VW Passat in der Wilseder-Berg-Straße eine Handgranate hoch. Verletzt wird niemand. Allerdings soll das betroffene Fahrzeug dem Vater des Vermissten gehören - also jenem Mann, der Ende Juli besagte  Schießerei in der Nadorster Straße knapp überlebt hatte.

Nach Einschätzung der Polizei in Bremen soll es sich dabei nicht um einen gezielten Tötungsversuch, sondern eher um eine zielgerichtete „Warnung aus dem Gewaltmilieu“ handeln. Weshalb - diese Frage wird nicht beantwortet. Allerdings stünden die Behörden in der Hansestadt dazu in engem Kontakt mit der Oldenburger Soko „Kings“.

Mitglieder besagter Familie sind in Bremen ansässig, die Ausläufer reichen bis in den Nordwesten. Offiziell ermitteln die Behörden in Oldenburg bis dato nur zur Vermisstensache, in Bremen zum Anschlag. Hinter den Kulissen aber mühen sich die Ermittler anscheinend, hier im Nordwesten vermutete kriminelle Strukturen aufzuhellen.

Allerdings: Noch am Abend patrouillierten schwer bewaffnete Einsatzkräfte rund um die Delmenhorster Cramerstraße – offenbar prophylaktisch, um eine „mögliche Auseinandersetzung mit Bezügen ins Rockermilieu“, wie es von der dortigen Polizei hieß, zu unterbinden. Man vermutete eine zeitnahe Bedrohungslage. 

Überraschend: Nur wenige Tage vor der Explosion in Bremen gab es  auf dem Facebook-Profil Rezan Cakicis einen neuerlichen Fremd-Kommentar: „Ich schätze die Polizei gibt die Wahrheit nicht bekannt, weil sie befürchtet, dass das Geschehnis PKK Militanten gegen Motorrad oder wer auch schuldig ist, mobilisiert. Dadurch könnte es größere Ausschreitungen geben. Das ist meine Theorie!“

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Was ist der Grund für die tödlichen Schüsse, die Explosion? Wo liegt der Schlüssel zu Rezans Verbleib? Gibt es eine Koinzidenz der Ereignisse oder ist alles nur tragischer Zufall?

Um die Gründe für das Verschwinden Rezans ranken sich zahlreiche Theorien. Während die einen vermeintlich hanebüchen daherkommen, haben andere Vermutungen durchaus Potenzial. Das Gerüchtepuzzle - welches sich aus Einträgen in Sozialen Medien, anonymen Kontakten und NWZ-Recherchen ergibt - bringt ganz unterschiedliche Handlungsstränge und Personalia auf. 

Da ist von Drogengeschäften in den Niederlanden die Rede. Andere fürchten Inkasso-Unternehmen aus dem osteuropäischen Raum. Weitere bringen deutsche Geschäftsleute und Schneeballsysteme ins Spiel, an denen der Vermisste beteiligt gewesen sein soll. Schließlich seien noch die PKK und türkische Geheimdienste involviert, wie hier wie dort zu lesen ist.  Aber eben nicht nur dies. Auch zur Schießerei in der Nadorster Straße gibt es eine Theorie, die sich aus verschiedenen Informationen speist. Demnach sollen der 38-jährige Tatverdächtige und die beiden Opfer nicht die einzigen Beteiligten vor Ort gewesen sein. Sollte hier eine Geldübergabe erfolgen? Eine erhoffte Fristverlängerung geklärt werden? War es vielleicht sogar eine Falle? Es ist schwerlich zu glauben, dass es sich bei dem zweifachen "Anschlag" auf den Vater des 29-Jährigen - der via Facebook immer wieder die Behörden wegen vermeintlicher Untätigkeit in der Vermisstensuche angreift - nur um einen bösen Zufall handeln soll.

Dass organisierte Banden oder sogenannte Familienclans Unstimmigkeiten intern klären, ist ein offenes Geheimnis. Wer "Mist" baut, also kriminell strukturierte Geschäfte (vom Seriendiebstahl bis zum Mord) im Hoheitsgebiet des anderen vornimmt, wird dies wahrscheinlich nicht allzu lange tun. "Wer sich ins Milieu begibt, weiß um die Gefahren", heißt es da. Oder anders formuliert: "This is happen when you fuc* up and dont listen. There are rules", (frei übersetzt: „So etwas passiert, wenn Du’s versaust und nicht zuhörst. Es gibt Regeln!“], wie es in einem Online-Kommentar zum Verschwinden Rezans steht.

So ungern dies in deutschen Behörden gehört und garantiert auch deutlich zurückgewiesen würde - den Gesetzeshütern dürfte dieser Selbstreinigungsprozess in der Szene nicht in Gänze unrecht sein, so wird hier wie dort gemunkelt.

Denn was die jüngsten Ermittlungen in dieser Angelegenheit betrifft, wird auch für viele weitere Straftaten bundesweit, ja international gelten: In den streng organisierten Gruppen gibt es keinerlei Kooperationsbereitschaft zu den Behörden. Freund wie Feind werden durch Schweigen geschützt, man will unter sich bleiben und eben dort auch alles nach eigenem Recht geklärt wissen. Parallelgesellschaft? Eher Paralleljustiz.

Fraglich bleibt, ob eine derart durchorganisierte Gruppe ein solch öffentlichkeitswirksames Szenario wie diesen Vermisstenfall und all seine Folgen derart lang am Köcheln halten wollen würde.


Was wahr ist und was nicht, scheint da kaum herauszufiltern zu sein. Wahrscheinlich ist gerade diese Vielzahl an Erklärungsansätzen und gleichsam wenig nachweisbarer Fakten auch der Grund für die schleppenden länderübergreifenden Ermittlungen der Polizei.

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Nach und nach wurde in den vergangenen Wochen das Personal der Oldenburger Sonderkommission "Kings" reduziert, die Ermittler sind hier nach Monaten offenbar an ihre Grenzen gestoßen.  Spuren wurden im Zusammenspiel mit den Behörden im benachbarten Bundesland Bremen aufgearbeitet, mögliche Erklärungsversuche immer und immer wieder neu durchdacht - dies alles jedoch ohne verifiziertes Ergebnis.

Einzig das möglicherweise mit dem Verschwinden Rezans in Verbindung zu bringende Tötungsdelikt in der Nadorster Straße wurde polizeilich abgeschlossen. Hier hat nun die Justiz seit  dem 12. Januar 2018 das letzte Wort. Zehn Verhandlungstage sind dafür vor dem Landgericht angesetzt. Vorläufig.

Wie es ohne weiteren erkennbaren Arbeitsansatz und ohne aussagewillige Zeugen hingegen im Vermisstenfall Cakicis weitergehen mag, ist ungewiss. Nicht unwahrscheinlich, dass die Soko eher kurz-, denn mittelfristig ruhen wird.
 
Was unter dem Strich bleibt, ist das, was schon über dem Striche stand: Rezan Cakici hat viele Freunde, aber ganz offenkundig auch viele Feinde. Das Umfeld, in dem er einst wirkte, ist so gefährlich wie diffus.

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Die Sicherheitsvorkehrungen sind massiv. Schon an den Einfallstraßen sind Beamte der Bereitschaftspolizei aufgestellt, schwer bewaffnet und maskiert bis zu den Augen. Strenge Einlasskontrollen und Straßensperren auf der einen Seite – die breite Öffentlichkeit dank eines großen Presseaufgebots auf der anderen.
An diesem Freitagmorgen beginnt der Prozess um die tödlichen Schüsse in einem Oldenburger Trockenbau-Unternehmen – dort hatte ein 38-Jähriger am 27. Juli 2017 mutmaßlich einen 65-Jährigen getötet, zudem einen 60-Jährigen mit massiven Schlägen vor allem gegen den Schädel schwer verletzt.

„Es gab die Einschätzung, dass eine Gefahr besteht“, wird Landgerichts-Sprecher Michael Hermann später das Großaufgebot an Sicherheitskräften erklären. Im Gerichtssaal selbst bleibt es hingegen ruhig.   Das 60-jährige Opfer sitzt auf der Kläger-Bank – frontal zum Tatverdächtigen, einem in Oldenburg geborenen Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit.

Während der Nebenkläger klaren, strengen Blickes ist, weicht der Angeklagte diesem aus. Eine unangenehme Situation, wie er sie angeblich auch an besagtem 27. Juli erlebt haben will, so deutet es sich am ersten von vorerst zehn Verhandlungstagen an. Dieser dreht sich nahezu komplett um die Erklärungen des Angeklagten. Videomaterial aus den Räumen des besagten Ladenlokals wird eingespielt, allerdings nicht von der Tat (dem Angeklagten wird ein vollendeter und ein versuchter Totschlag zur Last gelegt), sondern von einer Tatortbegehung am 15. August – gemeinsam mit dem 38-Jährigen. Großformatige Lageskizzen werden den Prozessbeteiligten vorgelegt, Fotomaterial en masse, alles aus verschiedenen Perspektiven.

In diesen Filmbeiträgen wird der Angeklagte unter anderem darlegen, dass er nicht zum ersten Mal von seinem Gegenüber bedroht worden sein soll. Auch diesmal seien die Gebärden des 60-Jährigen massiv gewesen, er soll eine Waffe dabei gehabt haben. Schon einige Tage vor der Bluttat habe es Bedrohungen gegeben, erzählt dieser. An besagtem Tage sei es schließlich zu einem Streit gekommen, weswegen der Angeklagte die Polizei habe anrufen wollen. Das Telefon sei ihm aber vom 60-Jährigen aus der Hand geschlagen worden, während der 65-Jährige, das spätere Todesopfer, ihn mit einem Messer bedroht habe.

Der Angeklagte hätte deshalb eine Waffe gezückt, zwei Schüsse in den Boden abgefeuert und einen weiteren dritten zur Warnung abgegeben – ohne Erfolg. Weil der 65-Jährige mit dem Messer immer näher gekommen sei, habe er schließlich „in Notwehr“ geschossen. Drei Kugeln trafen das Opfer. Eine davon direkt ins Herz. Weil er sein Magazin leer geschossen hatte, habe er dann den 60-Jährigen „angesprungen“ und zu verhindern versucht, dass dieser seine Waffe zieht. Er wollte ihn - Zitat - „wehrlos“ machen, schlug deshalb mit seiner eigenen halbautomatischen Pistole auf ihn ein.

Tatsächlich, so bestätigt die Staatsanwaltschaft später, seien zwei Schusswaffen und ein Messer am Tatort aufgefunden worden. Grund der Tat soll Geld gewesen sein – nach Aussage des Tatverdächtigen hätten die Kontrahenten „alles, was da ist“ eingefordert.

 Während dieser Schilderungen schreibt der 60-Jährige Nebenkläger eifrig mit – offenkundig hat er eine völlig andere Version des Tathergangs.

Den Wahrheitsgehalt dieser ersten Aussage gilt es in den kommenden Wochen zu prüfen. „Im Zentrum wird sicher die Frage stehen, ob es sich um Notwehr handelte oder nicht“, sagt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, und: „Ich möchte sensibilisieren, dass die Beweislage und rechtliche Einordnung völlig offen ist.“ Auch die Klärung weiterer Fragen stünde bevor: Die Akten (gleich mehrere Bände voll) würden „sehr sehr viele Fragezeichen“ beinhalten.

Damit nimmt er dann auch indirekt Bezug auf den Vermisstenfall Rezan Cakici. Der 29-jährige Deutsch-Kurde ist Sohn des 60-jährigen Nebenklägers, polizeilich einschlägig aus Rockerkreisen bekannt, und verschwand drei Wochen vor jenem Unglück an der Nadorster Straße spurlos. „Zu dem gesamten Katalog gehört auch die Frage: Warum haben sich die Personen dort getroffen?“ Die Staatsanwaltschaft hat in ihrer Anklageschrift einen Zusammenhang bereits angedeutet: Demnach könnte neben den „geschäftlichen Beziehungen“ durchaus das Verschwinden Rezans und dessen möglicher Aufenthaltsort Thema gewesen sein.

Wenig überraschend bleibt ein wichtiger geladener Zeuge – der tatsächliche Inhaber des Geschäfts und Cousin Rezan Cakicis – der Verhandlung fern. Er weilt seit den Geschehnissen in der Türkei.

An den nächsten Verhandlungstagen wird unter anderem der 60-jährige Nebenkläger zu den Geschehnissen angehört, Gutachten folgen später. Weiter geht es am 25. Januar vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts. Grundsätzlich werde die Risikolage jedes Mal neu eingeschätzt, so Michael Herrmann, allerdings sei „davon auszugehen, dass bisherige Sicherheitsvorkehrungen auch zu den nächsten Terminen“ beibehalten werden.

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Kinder, Tiere und Blaulicht gehen immer - so heißt es etwas zynisch bei Medienkritikern. Das bedeutet nichts anderes als: Genau diese Themen sind Garanten für möglichst viele Leser. Wenn man sich nun durch die Klickraten des vergangenen Jahres blättert, dann trifft diese Aussage mindestens beim Blaulicht zu. Die Schießerei vom 27. Juli (samt zugehöriger Berichterstattung) gehörte demnach zu den TOP 5-Facebook-Posts mit den meisten erreichten Personen, war der meistgeklickte NWZ-Artikel des Jahres auf Facebook und animierte sogar die meisten Facebook-Nutzer zur Interaktion (also Reaktionen, Kommentaren und Shares).  

Auch auf der Internetseite der Nordwest Zeitung - www.NWZonline.de - war dieser Vorfall mit weit über 150.000 der zweitmeistgeklickte. Lediglich der Messerangriff in der Innenstadt (31. Mai) hatte noch einmal ein Drittel mehr Leser verzeichnet.

Nicht zuletzt: Google. Auch hier landeten beide Taten unter den Top 3 der meistgeklickten NWZ-Artikel. 

Sprich: Diese Vorfälle haben Oldenburg ganz offensichtlich in besonderer Weise bewegt. Und darauf deuten auch die zahlreichen hinterlassenen Kommentare auf unserer Website wie bei Facebook oder Youtube hin.

Ein kleiner, nicht korrigierter Auszug:

* "Das kann doch nicht wahr sein so Langsam fühle ich mich in Oldenburg nicht mehr so sicher ich muss dort 5 Tage die Woche hin wegen Schule und muss jedes mal beim Bahnhof aussteigen obwohl es vom Bahnhof und zur Schule nur ein paar Fußschritte sind fühle ich mich wirklich nicht mehr sicher "

* "Es ist genauso sicher oder unsicher wie vor 20 Jahren, nur die Medien berichten jetzt schneller. Früher hätte es Morgen in der Zeitung gestanden und du hättest es nicht mal mitbekommen."

* "Jaaaaaa klar, man muss ja in diesem Land ja auch in ständiger Todesangst leben, gerade in Oldenburg wo um Zehn die Bürgersteige hochgeklappt werden. Jetzt ist mal was passiert und schon geht das Scheiss Geheule los. Freut euch doch, endlich ist hier auch mal was los (gnarf,,gnarf,gnarf) Als ob in Oldenburg dauernd geballert wird."

* "Das wird ja immer schlimmer mit den Leuten, die alles besser als die Polizei wissen und auf ihren Weg bestehen. Mord und Totschlag hats immer gegeben, nur keine Social Media und keine Respektlosigkeit den Leuten gegenüber, die in diese Situation hinein müssen. Wo soll das noch hin führen"

* "Rockerkrieg um Ehre und Rache - und das Mitten in Oldenburg. Unfassbar..."


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Die NWZ wird die Verhandlungen um die Todesschüsse von Nadorst vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts in den kommenden Wochen begleiten und diese Dokumentation für NWZonline.de und Nordwest-Zeitung entsprechend erweitern wie aktualisieren.
 
Text und Fotos:
Marc Geschonke

Weitere Fotos:
Christian J. Ahlers (NWZ)
Andre van Elten (261 News)
Deutsche Presse Agentur (dpa)

Titelbild:
Lina Brunnée




















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Übersicht

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Kapitel 1 Zur Einführung

Soku1

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Kapitel 2 Die Messer-Attacke

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Strafgesetzbuch

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Kapitel 3 Die tödlichen Schüsse

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Kapitel 4 Familiäre Bande

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Kapitel 5 Die Verhandlungstage

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Kapitel 6 Der Stand der Dinge

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