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Gentlemen's Club

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Ein wunderschöner Frühlingsfreitag im Bremer „Viertel“: Die Sonne scheint, Leute sitzen vor den Cafés und Kneipen und genießen ihren Feierabend. Doch dieser Nachmittag verspricht noch schöner zu werden: Wir sind verabredet mit vier Männern von einem besonderen Schlag. Männern, von denen ich annahm, dass es sie gar nicht mehr gibt.

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Doch da sitzen sie, in der „Heldenbar“, oben am Fenster. Sie tragen Anzug, Hut und – sagen wir mal – auffällige Socken und sind so ungewohnt aufmerksam. Das kommt sofort rüber. Sie begrüßen uns höflich, selbstverständlich zunächst die „Dame“, also mich. Sie fragen mehrmals, was wir trinken wollen. Sie entschuldigen sich, wenn sie jemandem ins Wort fallen. Es sind Kleinigkeiten, aber sofort umgibt uns eine Aura der Aufmerksamkeit. Ja, sie machen ihrem Namen alle Ehre, die vier vom Gentlemen’s Club Bremen: Szymon Stefanowicz, Kenneth Chorengel, Dave Nam Phan und Niklas Renner.

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Auch wenn einer – gar nicht gentlemanlike – heute zu spät kommt. Sie sind eben nicht perfekt, aber den Anspruch haben sie auch gar nicht. „Auch ein Gentleman hat seine Makel“, sagt Kenneth. Was sie sein wollen, was einen wahren Gentleman ausmacht, ist hingegen gar nicht so einfach in Worte zu fassen.

„Respektvoll“, „liberal“ und „ehrlich“ sind die Schlagwörter, die hier fallen. Gentlemen sollten Manieren haben. Ein gepflegtes Äußeres. Eine gewisse Bildung. Ein selbstbewusstes Auftreten. Charme. Ausstrahlung. Inspiration. Zivilcourage.

Aber vor allem: Aufmerksamkeit.

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Aufmerksamkeit ist für Szymon (32), Wedding Planner und Creative Head in einer Agentur, der Schlüssel zum Gentleman-Dasein. Wer wahrnimmt, was um ihn herum passiert, ist auf einem guten Weg. „Das kann man lernen, man kann alles lernen!“, sagt er und fügt kokettierend hinzu: „Ich musste es natürlich nie lernen. Ich habe es in die Wiege gelegt bekommen.“

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Alles nahm seinen Anfang, als Kenneth sich 2015 beim „GQ Magazin“ für den Titel „Gentleman oft the Year“ bewarb. Ein bisschen wie bei „Germany’s Next Topmodel“ lebte der heute 28-jährige Speditionskaufmann mit neun Konkurrenten in einem Hotel zusammen, stellte sich den "Challenges" und führte Markenkleidung vor. „Ich habe mich mit den anderen Bewerbern gut verstanden“, erinnert Kenneth sich.

Nach dem Wettbewerb vermisste er die schicke Kleidung, das Gentlemen-Leben. „So kam Szymon und mir die Idee, den Club ins Leben zu rufen." Zunächst gründeten die beiden eine Facebook-Gruppe, verabredeten sich mit anderen Gentlemen zum Frühstücken oder auf ein Getränk. Ihre "Community", wie sie den Club am liebsten nennen, entwickelte sich. Nach und nach kamen neue Mitglieder hinzu, heute sind sie zu zehnt.

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Niklas (25) ist erst vor einem Monat dazugestoßen. Sein langjähriger Freund Dave brachte ihn in den Club, weil der DJ sich genauso wie die Gentlemen für Mode interessierte. „Es zeigte sich schnell, dass er auf unserer Wellenlänge ist“, sagt Kenneth. Zwar gibt es keine Rituale, keine Zulassungsprüfung, aber die anderen Gentlemen nehmen einen Neuling genau unter die Lupe. „Schon beim zweiten Treffen, an dem ich teilnahm, wurde verkündet, dass ich Mitglied bin“, erzählt Niklas. „Es gab von vornerein nette Gesprächsthemen.“ „Wir haben uns sofort in dich verliebt“, bestätigt Szymon. Niklas sei von Anfang an so interessiert, so aufmerksam gewesen. Sie hätten viel gelacht - und Lachen sei sehr wichtig.

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Golf, Casino, Whiskey-Tasting, gesellige Abende in Bars, gepflegte Gespräche - so stellt man sich das Leben eines Gentleman vor. Aber eine Frage brennt der Reporterin noch auf den Nägeln: „Über was unterhaltet ihr euch überhaupt, wenn ihr euch trefft?“ Szymon lacht. „Du weißt, dass du dich mit dieser Frage auf dünnes Eis begibst. Wir sind echte Kerle, da geht es auch mal rough und derbe zu.“ Soso. Mehr kriege ich nicht raus. Ein Gentleman schweigt und genießt.

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„Schaut mal da draußen!“, ruft einer der vier plötzlich. Ein Mann in einem violetten Anzug geht an der „Heldenbar“ vorbei. Die Gentlemen sind begeistert. Mode, Stil und Detailverliebtheit sind eine wichtige Säule des Clubs. Dabei geht es nicht unbedingt um teure Klamotten. „Den besten Stil entwickelt man, indem man sich selbst treu bleibt“, sagt Kenneth. Authentizität muss gegeben sein. "Auch ein Anzug für 90 Euro kann gut aussehen." Oder Secondhand-Kleidung.

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Die Gentlemen lassen sich gerne inspirieren, zum Beispiel auf Modemessen. Dafür reisen sie auch mal nach Florenz. Das heißt aber nicht, dass sie jeden Tag einen Anzug tragen. Doch wenn, dann legen sie Wert auf das passende Einstecktuch, die edle Uhr, die schicken Schuhe, die gemusterten Socken, die den Blick sofort auf die Füße lenken. Mode macht ihnen Spaß. „Aber das ist eine ungezwungene Geschichte, wir sind da entspannt“, sagt Kenneth. „Wir finden es einfach schön, wenn man sich repräsentativ anzieht. Aber jeder ist, wie er ist."

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Schwarz und Braun kombinieren - ja oder nein? Wie kleidet man sich lässig aber elegant? Wo kann man in Bremen gut ausgehen? In ihrem Blog geben die Gentlemen Tipps zu Stilfragen, präsentieren Mode ausgewählter Marken und stellen Bars und Cafés vor. So wollen sie Anregungen fürs Gentleman-Leben geben. "Vor allem freuen wir uns, wenn wir andere Männer inspirieren, sich schicker zu kleiden", sagt Kenneth. Als Ratgeber verstehen sie sich nicht. Sie geben lediglich ihre Ansicht zu Mode- und Lifestyle-Themen wieder.

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"Mir sagt die britische Attitüde besonders zu", erzählt der rothaarige Niklas. "Da steckt viel von James Bond drin, der Inbegriff des britischen Stils." Ansonsten seien sein Vater und Großvater Vorbilder für ihn. Die anderen nicken. Wenn sie Vorbilder haben, dann stammen diese aus der Familie.

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Viele Vereinigungen, die alte Werte pflegen, gibt es heute nicht mehr. Hier und da ploppen aber neue Gentlemen-Clubs auf, etwa in Japan - wo die Bewegung im Moment sehr groß sei - oder im Irak - wo junge Männer mit Mode und Respekt dem Krieg und der Krise trotzen. „Irgendwann würden wir gerne eine karitative Botschaft vertreten“, sagt Kenneth. Bis dahin sei noch ein langer Weg. Bis sie zum Beispiel eine Charity Gala auf die Beine stellen können, müssten sie als "Influencer" für Modemarken in ihrem Blog noch einige Krawatten präsentieren.

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Streifzug durch die Straßen von Bremen: Die vier fallen auf, selbst im „Viertel“, wo gerade bei dem sonnigen Wetter so einige Hipster unterwegs sind. Die Gentlemen ziehen die Blicke auf sich. Frauen und Männer drehen sich nach ihnen um. Erstaunt. Interessiert. Verzückt. Aber es gibt auch kritische Stimmen.

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Die Gentlemen wissen: Sie sind angreifbar. „Manchmal denken die Leute, dass wir einfach nur ein paar eingebildete Typen mit reichen Eltern sind", sagt Kenneth. Schöne Anzüge, aber nichts dahinter.  „Auch passiert es schon mal, dass mir jemand auf der Straße ,Schwuchtel' hinterherruft." Aber das sei die Ausnahme. Meistens gibt es Komplimente. „Letztens kam eine ältere Dame begeistert aus einem Laden heraus und fragte mich, warum nicht alle Männer so schick herumlaufen könnten", erzählt er. Eleganz kann ein Türöffner sein.

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Gentlemen-Dasein und Emanzipation ist für die vier kein Widerspruch. Frauen wollen sie grundsätzlich nicht anders als Männer behandeln – nämlich mit Respekt. Klassische Etikette und modernes Alltagsleben passen für die Gentlemen durchaus zusammen. Und noch einmal wagt sich die Reporterin auf dünnes Eis: "Wie kommt ihr denn so an, wenn ihr weggeht? Werdet ihr oft angebaggert?" Als Antwort gibt's aber nur eine Gegenfrage: "Na, wie findest du uns denn so?", will Szymon wissen und grinst - die Antwort erahnend.

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